Nur in den Pausen zur Toilette

Pinkelpausen im Unterricht tabu

Kassel. Eine Mutter, deren Tochter die berufliche Paul-Julius-von-Reuter-Schule besucht, schlägt Alarm: Ein Lehrer verbiete den Schülern, während der Unterrichtsstunde auf Toilette zu gehen, sagt sie empört.

„So etwas kann man doch nicht verbieten, das ist unmenschlich“, sagt die Frau, die namentlich nicht genannt werden möchte.

Dazu äußert sich der Schulleiter der Reuter-Schule, Karl-Friedrich Bätz: „Wenn Not besteht, darf ein Schüler selbstverständlich auch während des Unterrichts austreten.“ Grundsätzlich sei es aber an der Reuter-Schule untersagt, die Schulstunde zu verlassen, um auf Toilette zu gehen. Die Lehrer seien von der Schulleitung angehalten, drauf zu achten. In der von allen gemeinsam verabschiedeten Schulordnung sei das nachzulesen.

Wenn Schüler für einen Toilettengang den Unterricht verlassen, verpassten ja nicht nur diese Schüler Lehrstoff. Sie störten durch die Unterbrechung auch ihre Mitschüler und Lehrer. „Das hat ein enormes Störpotenzial“, sagt Bätz: „Wir haben ja auch einen pädagogischen Auftrag.“

Danach sollten Schüler - auch in Hinblick auf die künftige Arbeitswelt - zu einem pfleglichen Umgang mit Pausen erzogen werden. Die Schule, so Bätz, sei für die Jugendlichen oft der letzte Abschnitt vor Eintritt in den Beruf, um Selbstdisziplin und Lebensorganisation zu erlernen. Es gebe in der Reuter-Schule genügend Räume, wo Schüler auch ihre individuelle Geschwindigkeit leben können und sich nicht an Vorgaben halten müssen.

Rückendeckung bekommt die Schulleitung vom Elternbeirat und von der Schülervertretung. Michael Fleck, der Vorsitzende des Elternbeirats, sagt: „In Hinblick auf das spätere Berufsleben, wo man sich ja auch in berufliche Abläufe eingliedern muss, ist diese Regelung nur sinnvoll.“ Natürlich müssten Ausnahmen möglich sein, etwa bei gesundheitlichen Beeinträchtigungen. „Da müssen die Schüler mit den Lehrern reden.“

An der Heinrich-Schütz-Schule ist es ebenfalls untersagt, während des Unterrichts zur Toilette zu gehen. „Es muss die Ausnahme sein“, sagt Schulleiter Jörg Sperling. „Das ist die in der Schulordnung festgehaltene und auch allgemein akzeptierte Ansage.“ Nach Ansicht des Leiters der Friedrich-List-Schule, Ekkehard Nozulak, soll das der einzelne Lehrer entscheiden. Es gebe an seiner Schule einige Lehrer, die sagten: Bei mir nicht. Dies sei berechtigt, wenn Lehrer das Gefühl haben, die Schüler wollen den Toilettengang, fünf Minuten nach Unterrichtsbeginn, für andere Dinge nutzen.

Von Christina Hein

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