Geschichtsprofessorin Dr. Julia Angster forscht über die Definition von Seeräubern

Piraterie war ehrenhaft

Seeräuber im Kino: Die Schauspieler Johnny Depp (links) und Geoffrey Rush begeisterten in mehreren Folgen als Piraten im Kinofilm „Fluch der Karibik“. Foto: dpa

Kassel. Bewaffnet bis an die Zähne und stets auf der Jagd nach Reichtum, gelten sie noch heute als Schrecken der Meere: Piraten. Besonders vor der Küste Somalias werden derzeit immer wieder Überfälle moderner Seeräuber auf Frachter und Tanker gemeldet.

Doch wer ist für die Weltöffentlichkeit ein Pirat, und wie setzt die internationale Staatengemeinschaft welches Recht und Gesetz durch? Unter anderem diesen Fragen ist Prof. Dr. Julia Angster am Fachbereich Geschichte der Universität Kassel auf der Spur. Die 43-Jährige erforscht fernab der Heldenmythen um Captain Hook, Klaus Störtebeker und Jack Sparrow, wie die britische Kriegsmarine Piraten in Südostasien vor 200 Jahren definiert und bekämpft hat.

„Der Begriff des Piraten, wie er in der Royal Navy gebraucht wurde, bezog sich auf europäische Seeleute, die zu Räubern auf See geworden waren“, sagt die Geschichtsprofessorin. Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert hätte sie die Bezeichnung jedoch auch auf Menschen in Malaysia übertragen, die nicht nur Handelsschiffe im südchinesischen Meer angriffen, sondern auch die Rechtsnormen und Ordnungsvorstellungen der Briten, die damals die größte Kolonialmacht waren.

In Teilen Südostasiens lebten die Menschen nach ihrer jahrtausendealten Kultur, hatten oft keinen festen Wohnsitz, gingen keiner ehrlichen Arbeit nach. „Diese Gruppen wurden auch als Piraten kriminalisiert, weil sie sich der britischen Zivilisierungsmission widersetzten“, sagt Angster. Doch in Malaysia war es durchaus eine ehrenwerte Beschäftigung, sich als seefahrender Räuber den Lebensunterhalt zu verdienen.

Deshalb versuchte die britische Kriegsmarine europäische Normen auch in Übersee durchzusetzen. Das sei zum einen das offizielle politische Ziel Großbritanniens gewesen, um die Weltmeere für den Handel sicher zu machen, sagt Angster. Zum anderen habe die Royal Navy so unmittelbar zur britischen Zivilisierungsmission beigetragen, indem sie versuchte, „räuberische Völker“ in Übersee zur Achtung fremden Eigentums und zum friedlichen Handel zu zwingen. „Wer die Spielregeln bestimmt, dessen Macht ist dauerhafter, als wenn sie nur auf Waffen beruht.“

Während die Royal Navy Piraten vor 200 Jahren direkt an Bord erhängt habe, sei die Rechtslage heute beispielsweise vor Somalia deutlich komplizierter. Denn wenn Europäer im Indischen Ozean Piraten festnehmen, müssten diese den westlichen Normen entsprechend auch vor ein ordentliches Gericht gestellt werden, sagt Angster. Doch wessen Recht jeweils angewandt werde, sei noch oft umstritten.

Von Sebastian Schaffner

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