Mit Pistole zugeschlagen: Gericht verhandelt über Schuldenstreit

Kassel. Jürgen Stanoschek grummelte. „Eine Meisterleistung der Ermittlung war das“, knurrte der Richter, „diese Konferenzveranstaltung.“ Was den Strafkammervorsitzenden am Kasseler Landgericht so wenig amüsiert sein ließ, war der nicht eben lehrbuchhafte Versuch der Polizei, die Widersprüche bei einem mutmaßlichen Raubüberfall in der Drogenszene aufzuklären:

Die Beamten hatten die vermeintlichen Täter und Opfer einfach an einen Tisch gesetzt und gemeinsam befragt. Mit Billigung der Staatsanwaltschaft.

„Wo“, ätzte der Richter, „steht in der Strafprozessordnung, dass man solche Vernehmungen machen kann?!“ Nirgends offenbar. Und erfolglos war die polizeiliche Kreativität obendrein: Seit Dienstag muss nun das Kasseler Landgericht herausfinden, was sich an einem Januarabend 2012 in Wehlheiden zugetragen hat. Und vor allem: warum.

Angeklagt ist ein 30-Jähriger, dem die Staatsanwaltschaft wegen jenes Winterabends besonders schwere räuberische Erpressung und gefährliche Körperverletzung vorwirft: Der Mann sei überraschend in der Wohnung eines Bekannten aus dem Drogenmilieu aufgetaucht und habe ihm mit einer Luftpistole auf den Kopf geschlagen.

Er habe den 27-Jährigen und seine doppelt so alte Lebensgefährtin mit dem Tod bedroht und Geld gefordert. Und sei schließlich mit gut 300 Euro verschwunden. Der Angeklagte aber will seinem Widersacher lediglich „leicht, ich betone: leicht, auf den Kopf geklopft“ und ein paar Mal in den Hintern getreten haben.

Bedroht habe er niemanden, und mehr als einen 20-Euro-Schein habe er auch nicht mitgenommen. Und: Nicht als Beute, sondern als eine Art Pfand habe er den Schein eingesteckt.

Um das zu erklären, erzählte der Angeklagte eine Geschichte, die zwei Jahre früher begann. Damals, sagte er, habe er mit dem 27-Jährigen Heroingeschäfte betrieben. Einmal seien sie dabei von einem Zulieferer über den Tisch gezogen und um 600 Euro gebracht worden. Und davon habe der 27-Jährige dann später möglicherweise einen kleinen Teil zurückbekommen, ohne mit seinem Ex-Kompagnon zu teilen. Mit dem Pfand, sagte der 30-Jährige, habe er eine Klärung erzwingen wollen. „Ich habe nicht verstanden, warum er mich so verarscht.“

Sein Gegenüber freilich beteuerte, gar nicht gewusst zu haben, wie ihm geschehe. Weder habe er jemals mit Drogen gehandelt noch dem Angeklagten irgendwelches Geld vorenthalten. Ein entfernter Bekannter sei der Mann, mehr nicht, sagte der 27-Jährige – und sah sich mit seiner Darstellung kaum weniger skeptischen Nachfragen ausgesetzt als der Angeklagte. Der Prozess wird am Freitag fortgesetzt. (jft)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.