Ernsts Anwälte glauben, dass Markus H. mit am Tatort war

Mordfall-Lübcke: Verteidiger plädieren auf Totschlag statt Mord

Das Wohnhaus der Familie Lübcke in Wolfhagen-Istha: Am 5. September besuchten die Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst den Tatort, um sich ein Bild zu machen.
+
Das Wohnhaus der Familie Lübcke in Wolfhagen-Istha: Am 5. September besuchten die Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst den Tatort, um sich ein Bild zu machen.

Im Prozess um den Mord am Regierungspräsidenten Walter Lübcke plädiert die Verteidigung des Hauptangeklagten Stephan Ernst dafür, ihn nur wegen Totschlags zu verurteilen. Es war eine bemerkenswerte Schlussrede.

Frankfurt – „Ungewöhnlich“ war das Wort, das Mustafa Kaplan in seinem gestrigen Plädoyer im Prozess um den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke am häufigsten verwendete. Ungewöhnlich, sagte der Verteidiger des Hauptangeklagten Stephan Ernst, seien die Tat, die Umstände und das Verfahren an sich gewesen. Und ungewöhnlich war auch die Schlussrede des Kölner Rechtsanwalts.

Kaplan bedankte sich gleich zu Beginn bei der Familie Lübcke, weil die ihn und seinen Kollegen Jörg Hardies am 5. September auf ihr Grundstück im Wolfhager Stadtteil Istha gelassen hatten, wo Ernst in der Nacht auf den 2. Juni 2019 den CDU-Politiker erschoss.

Dort wollten sich die beiden Juristen selbst ein Bild vom Tatort machen. Kaplan hätte vollstes Verständnis gehabt, wenn die Familie dies abgelehnt hätte. Aber Irmgard Braun-Lübcke sowie ihre Söhne Jan-Hendrik und Christoph ließen es zu, dass sich die Verteidiger des Mörders ihres Ehemannes und Vaters auf der Terrasse umschauten, auf der Walter Lübcke umgebracht wurde. „Ihr Verhalten zeigt Menschlichkeit und Stärke, die Werte ihres Mannes leben weiter“, sagte Kaplan.

Eine Woche vor der geplanten Urteilsverkündung hielt der 52-Jährige ein bemerkenswertes Plädoyer, in dem er zu dem Schluss kam, dass sein Mandant im Fall Lübcke nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags zu verurteilen sei. Im Mordversuch an dem irakischen Flüchtling Ahmed I., den Ernst am 6. Januar 2016 in Lohfelden niedergestochen haben soll, plädierte die Verteidigung aus Mangel an Beweisen auf Freispruch.

Laut Kaplan hat Ernst den Kasseler Regierungspräsidenten nicht aus niedrigen Beweggründen getötet, wie es Oberstaatsanwalt Dieter Killmer dem Hauptangeklagten vorwirft. Lübcke sei nicht arglos gewesen, da er Ernst gesehen habe. Seinem Mandanten sei es nicht darum gegangen, einen Vorteil zu erlangen. Vielmehr sei die Tat ein „politisches Ziel“ gewesen: Ernst sei dem Irrglaube aufgesessen, „im Allgemeininteresse zu handeln“.

Weil sich Lübcke für Flüchtlinge einsetzte, habe er ihn seit der Bürgerversammlung in Lohfelden 2015 für die Migrationspolitik der Bundesregierung und Gräueltaten des IS verantwortlich gemacht. Die „rechtspopulistische und rechtsextremistische Blase“, in der sich der Familienvater bewegte, habe ihn unterstützt. Wenn er etwa an der Arbeit sagte, dass man Flüchtlinge in ein Flugzeug stecken und über dem Mittelmeer abwerfen solle, habe niemand widersprochen.

Die größte Unterstützung erhielt Ernst laut Kaplan vom Mitangeklagten Markus H., dem die Bundesanwaltschaft lediglich „psychische Beihilfe“ vorwirft. Mit dem 44-Jährigen steigerte er sich in seine Wut auf Lübcke und spähte den Tatort aus: H. „war in die Tatplanung eingeweiht und hat sie unterstützt. Mehr Mittäterschaft geht nicht.“

Kaplan und Hardies glauben ihrem Mandanten, der gestern wie immer kaum Regungen zeigte. Demnach standen Stephan Ernst und Markus H. in der Tatnacht gemeinsam vor Lübcke – so sieht es auch die Familie Lübcke. Mit dem Angriff auf Ahmed I. habe der Hauptangeklagte indes nichts zu tun. Die vermeintliche DNA-Spur des Irakers an dem Messer, das in Ernsts Keller gefunden wurde, ist für Hardies als Beweismittel „völlig ungeeignet“, da sie nicht eindeutig sei. Killmer habe in seinem Plädoyer nur „eine ganze Reihe von Nichts aufgeführt“. In der Tat entlastet ein Kassenzettel Ernst. Demnach hat er erst wenige Wochen nach der Tat ein Messer gekauft, das die Tatwaffe sein könnte.

Den Lübcke-Mord erklärte Kaplan auch anhand der Biografie seines Mandanten, der von seinem gewalttätigen Vater schon als Siebenjähriger geschlagen wurde, weil er mit einem türkischen Jungen spielte. Aus Angst vor ihm sei er mit zwölf nur mit einem Messer ins Bett gegangen. Dann „wurde er selbst zum Ausländerhasser“. Während andere Väter mit ihren Söhnen Fußball spielen, sei bei ihnen der Hass auf Fremde das einzig Verbindende gewesen.

Angeblich hat sein Mandant alles gesagt, was er weiß: Verteidiger Mustafa Kaplan (links) und der Hauptangeklagte Stephan Ernst.

Ernsts lange gewalttätige Karriere in der rechten Szene streiften die Verteidiger nur am Rande. Dafür kritisierten sie die Bundesanwaltschaft. Sie hätte es im Sommer 2019 möglich gemacht, dass mit Dirk Waldschmidt und Frank Hannig zwei Anwälte aus der rechten Szene Besuchsscheine für Ernst im Kasseler Gefängnis erhielten, obwohl der schon einen anderen Pflichtverteidiger hatte. Die beiden Juristen hätten Ernst zu zwei falschen Geständnissen überredet. Das zweite, das sich Hannig ausgedacht haben soll, bezeichnete Kaplan als „Schmierentheater“ eines selbst ernannten „Drehbuchautors“.

Während die Bundesanwaltschaft den Lübcke-Mord als politische und rassistische Tat bewertet, sieht die Verteidigung keine besondere Schwere der Schuld. Das Gericht solle vielmehr anerkennen, dass Ernst aus der rechten Szene aussteigen wolle und sein Versprechen eingelöst habe, der Familie Lübcke die Wahrheit zu sagen – anders als Markus H. „Der eine redet und bittet um Verzeihung, der andere schweigt, grinst und provoziert“, sagte Kaplan. Sein Mandant habe „alles gemacht, mehr geht nicht“.

Am Ende gab der Anwalt noch ein weiteres ungewöhnliches Versprechen: Die Zusage an die Familie Lübcke, alles zu sagen, ende nicht mit der Urteilsverkündung nächsten Donnerstag: „Die Zusage des Herrn Ernst gilt für den Rest seines Lebens.“ (Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.