Post aus Frankfurt: Göttinger Forschungsprojekt löst Rückgabeaktion von NS-Beutegut aus

Platon ist jetzt wieder in Brünn

Frank Möbus, Leiter des Forschungsprojekts zur Ermittlung von NS-Raub- und Beutegut am Seminar für Deutsche Philologie der Universität Göttingen. Foto:  Rink/pid

Göttingen. Die Suche nach nationalsozialistischem Raub- und Beutegut in Bibliotheken der Universität Göttingen hat jetzt eine ungewöhnliche Rückgabeaktion ausgelöst. Ein Privatmann aus Frankfurt am Main hat fünf kostbare Bücher an die Universität Brno in Tschechien zurückgegeben.

Der Frankfurter Bücherliebhaber Herbert Elbrecht hatte einen Zeitungsbericht über die Recherchen des Germanisten Professor Frank Möbus gelesen, der ein Forschungsprojekt zur Ermittlung von Raub- und Beuteliteratur am Seminar für Deutsche Philologie der Uni Göttingen leitet. Elbrecht hatte jahrelang eine kostbare Platon-Ausgabe aus dem Jahr 1918 im Regal, die einen Stempel der Universität Brünn (heute Brno) trug. „Mir war immer klar, dass die fünf Bände woanders hingehörten, aber ich wusste nie, wie ich sie zurückgeben könnte“, berichtet der Platon-Fan. Er wandte sich an den Göttinger Experten, dieser vermittelte den Kontakt zur tschechischen Universität, die kurz darauf ein Paket aus Frankfurt mit fünf Platon-Bänden erhielt.

„Das ist natürlich fabelhaft, wenn früheres NS-Raubgut den rechtmäßigen Besitzern zurückgegeben werden kann“, freut sich Möbus. „Das ist das wichtigste Ziel unserer Forschungen.“ Auch bei der zentralen Berliner Arbeitsstelle für Provenienzforschung ist man über die spontane Rückgabeaktion erfreut. Bislang sei es sehr selten vorgekommen, dass Privatleute Bücher oder Kunstwerke, die während der NS-Zeit beschlagnahmt oder geraubt wurden, zurückgegeben hätten, sagt der Leiter der Arbeitsstelle, Uwe Hartmann. Der Frankfurter Bücherliebhaber werde ein persönliches Dankschreiben von Kulturstaatsminister Bernd Naumann erhalten.

Dank vom Minister

Elbrecht ist froh, dass die Bücher sich wieder dort befinden, wo sie hingehören - im Seminar für klassische Philologie der Masaryk-Universität Brno. Die Platon-Bände hätten jahrelang bei einem Frankfurter Antiquar zum Verkauf gestanden, berichtet er. Wie sie dorthin gekommen seien, wisse er nicht. „Ich war fasziniert von der schönen Ausgabe.“ Trotzdem habe er lange gezögert. „Die Stempel gemahnten immer wieder an den Abgrund deutscher Barbarei.“

Aus einem Stempel war zu ersehen, dass die damalige Staatspolizeileitstelle Brünn die Bände im August 1943 beschlagnahmt hatte. Schließlich erstand Elbrecht doch die Bücher. „Ich habe mich für sie verantwortlich gefühlt und sie gekauft, um sie irgendwann zurückzugeben.“

Die Rückgabe an die tschechische Universität habe auch bei den übrigen mit Provenienzforschung befassten Einrichtungen in Deutschland ein breites Echo ausgelöst, berichtet Möbus. Der Germanist, der die 130 000 Bände der Bibliothek des Seminars für Deutsche Philologie der Uni Göttingen durchforstet, ist auf eine Reihe von Büchern gestoßen, die wahrscheinlich als so genanntes NS-Raubgut einzustufen sind. Sämtliche Verdachtsfälle werden bei der Internetdatenbank der Koordinierungsstelle für Kulturgutverlust „Lost Art“ gemeldet.

Auch die Göttinger Universitätsbibliothek erforscht die Herkunft der Bücher, die in der NS-Zeit in ihren Besitz gekommen sind. Bislang haben die Forscher 4500 der insgesamt 7000 Verdachtsfälle geprüft. Dabei entdeckten sie nahezu 400 Titel, die eindeutig als Raubgut einzustufen sind.

Von Heidi Niemann

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