Gutachten: Kreuzung nicht sinnvollste Lösung

Großer Kreisel: Das sagen der ADAC und das Land zum Umbau

Kassel. In einer Sache sind sich Gutachter und Stadt einig: Am Platz der Deutschen Einheit muss etwas passieren. Der Große Kreisel ist überlastet und weist große Verkehrssicherheitsdefizite auf, die im Schnitt zu jährlich 120 Unfällen führen.

Bei der Frage, wie der Knotenpunkt umgebaut werden soll, herrscht aber noch Unklarheit.

Ein Gutachten der Bochumer Ingenieurgesellschaft Brilon, Bondzio, Weiser war 2012 zu dem Schluss gekommen, dass eine Brücke über die Leipziger Straße die beste Lösung sei – aus verkehrs- wie aus volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten.

Über diese Brücke (ein so genannter Überflieger) soll der Verkehr rollen, der von der B 83 geradeaus in Richtung Dresdener Straße unterwegs ist sowie der in umgekehrter Richtung fahrende. Die Gutachter waren davon ausgegangen, dass im Jahr 2025 der Verkehr auf dieser Achse um 28 Prozent zunehmen wird. Dies wären dann statt der aktuell 1200 Fahrzeuge pro Stunde etwa 1500 Fahrzeuge pro Stunde.

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In diesem Fall sei die Brückenvariante am sinnvollsten. In dem Gutachten, das der HNA vorliegt, heißt es: „Trotz hoher Investitionskosten bietet eine Kreuzung mit Überflieger durch hohe Energie- und CO2-Einsparungen nennenswerten volkswirtschaftlichen Nutzen.“

Dennoch ist Stadtbaurat Christof Nolda (Grüne) dieser Variante, die einen zweistelligen Millionenbetrag kosten würde, skeptisch gegenüber. Er hält eine herkömmliche Kreuzung (siehe Grafik) für ausreichend und begründet dies mit den hohen Kosten für eine Brücke und damit, dass es Zweifel an den Verkehrsprognosen der Bochumer gebe.

Von anderen Gutachtern, die für die Erstellung des Verkehrsentwicklungsplanes beauftragt waren, werde die zukünftige Belastung der Dresdener Straße anders bewertet, sagte Nolda auf HNA-Anfrage. Im Verkehrsentwicklungsplan werde für 2025 nur eine halb so hohe Zunahme des Verkehrs prognostiziert wie von den Bochumern. „Es ist noch eine genauere Untersuchung nötig, aber es ist zu vermuten, dass bei weiterer Überprüfung der Überflieger eher überflüssig wird“, sagte Nolda.

Die vom Stadtbaurat favorisierte Variante einer normalen Kreuzung wurde von den Bochumer Gutachtern als zweitbeste Lösung bewertet. Auch sie bringe Verbesserungen für den Verkehr. Die Fußgänger- und Radfahrer sollen oberirdisch die Kreuzung überqueren können.

Bei der Prognose zur Verkehrsentwicklung der nächsten Jahre wurde von den Gutachtern auch die geplante Anbindung der A 44 an die A 7 berücksichtigt sowie der damit verbundene Wegfall der Anschlussstelle Kassel-Ost. Dies wird für eine Zunahme des Verkehrs am Kreisel sorgen.

Das sagt der ADAC:

„Mehrspurige Kreisel nicht bewährt“

Große mehrstreifige Kreisverkehre hätten sich in Deutschland nicht bewährt und seien meist nur noch signalisiert vorzufinden, sagt Thomas Kramer, Verkehrsexperte des ADAC Hessen-Thüringen. Sie würden - anders als kleine, einspurige Kreisel - aus Verkehrssicherheitsgründen heutzutage fast nicht mehr gebaut. Bei der Planung von Knotenpunkten (Neu- und Umbau) müssen immer alle möglichen gleichwertigen Varianten berücksichtigt werden. „Dabei müssen die Vor- und Nachteile unter Sicherheits- und Wirtschaftlichkeitsaspekten durch eine Machbarkeitsstudie abgewogen werden“, sagt Kramer.

Das sagt das Land:

„Keine Vorfestlegung getroffen“

Für die Finanzierung des Umbaus des Großen Kreisels ist die Stadt auf die Förderung durch das Land angewiesen. Auf Basis des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes werden bis zu 85 Prozent der Kosten übernommen. Auf HNA-Anfrage teilt das hessische Verkehrsministerium mit, dass Hessen Mobil als zuständige Behörde keine Vorfestlegungen getroffen habe, was den Umbau des Kreisels angehe. Die Stadt habe Planungshoheit. Sobald ein Entwurf vorgelegt werde, prüfe Hessen Mobil, ob die Konzeption technisch geeignet und wirtschaftlich ist. (bal)

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Karte: Der Platz der Deutschen Einheit

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