Das Wilhelmsgymnasium platzt aus allen Nähten – Auch das Friedrichsgymnasium soll erweitert werden

Platz für Kasseler Schüler statt „Käfighaltung“

 In diesem 1985 errichteten Gebäudeteil des Kasseler Wilhelmsgymnasiums  befinden sich kleine Klassenräume.
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Problemfall „Neubau“, erbaut im Jahr 1985: In diesem Gebäudeteil des WG befinden sich kleine Klassenräume, die nach Einschätzung der Schulleitung modernen Ansprüchen nicht entsprechen.

Großer Nachfrage nach Gymnasialplätzen. In Kassel sollen jetzt das Wilhelms- und das Friedrichsgymnasium erweitert werden.

Kassel. Die Kasseler Stadtverordneten haben im vergangenen Dezember während ihrer letzten Sitzung des Jahres beschlossen, dass die beiden Schulen Wilhelmsgymnasium und Friedrichsgymnasium erweitert und saniert werden sollen. Das war insofern überraschend, als das Thema mit den Stimmen von SPD und CDU zwar vom Finanzausschuss abgesegnet, zuvor aber nicht im Schulausschuss behandelt worden war.

Große Enge: Im Wilhelmsgymnasium müssen sich nicht selten 30 Schüler einen kleinen Raum teilen.

Realisiert werden sollen die künftigen Bauarbeiten über die städtischen Unternehmenstöchter GWG Pro und Immobilien GmbH und Co KG.

Nicht unerwartet, sondern als notwendige Konsequenz sehen diese politische Entscheidung hingegen die Schulgemeinde und Uwe Petersen, der Leiter des Wilhelmsgymnasiums: „Eine Überraschung war das keineswegs. Vielmehr bin ich in puncto bauliche Erweiterung des WG seit 2016/17 im Gespräch mit dem Schulträger.“ Angesichts kontinuierlich steigender Einwahlzahlen von Kasseler Schülern bei gleichzeitig höchst beengten räumlichen Verhältnisse sei die Notwendigkeit eines Erweiterungsbaus nicht mehr wegzudiskutieren. „Wenn ich in die Klassen schaue, erinnert mich das an Käfighaltung“, sagt Petersen. Häufig sei aufgrund der Raumsituation nur Frontalunterricht möglich. „Wir müssen da was tun.“

Die Tutorenkurse in den Jahrgängen E1 bis Q4 beispielsweise finden in je 44 Quadratmeter großen Räumen statt. 33 Schüler einer sechsten Klasse werden in einem 58 Quadratmeter großen Raum unterrichtet und eine Klasse mit 29 Neuntklässlern auf 50 Quadratmetern. Drei der zehnten Klassen sind Wanderklassen ohne festen Klassenraum. Häufig sitzen die Schüler – sofern nicht gerade Lockdown ist – dicht an dicht, für Taschen und Jacken ist kein Platz. Allein seit dem Schuljahr 2017/18 ist die Schülerzahl am WG von 1071 auf heute 1154 um 83 Schüler gestiegen. Für die aktuelle fünfte Klasse hatten 202 Schüler das Gymnasium an der Kunoldstraße angewählt, 50 Schüler mussten abgelehnt und umgelenkt werden.

Dass das Gymnasium so gefragt ist, sei erfreulich, sagt Petersen, aber: „Wir müssen 30 Kinder und mehr in die Klassenräume reinstopfen, um die Nachfrage zu befriedigen.“ In einem Brief an Schuldezernentin Ulrike Gote hatte er im Sommer 2019 geschrieben: „Aus meiner Sicht ist es dringend notwendig, den Neubau des WG zu sanieren und zu erweitern, sodass dann 6 Klassen pro Jahrgang aufgenommen werden können.“ In der Vergangenheit sei ihm vonseiten des Schulträgers Verständnis entgegengebracht worden.

Lange, öde Flure im „WG-Neubau“: So werden Schulen heute nicht mehr konzipiert.

Das im Kriegsbombardement zerstörte Traditionsgymnasium besteht aus dem um 1960 gebauten „Altbau“, (er war 2004/05 saniert worden) und dem 1985 erbauten Erweiterungsbau, dem sogenannten „Neubau“.

Uwe Petersen, Leiter des Kasseler Wilhelmsgymnasiums

Letzterer ist der Problembau. Er ist nicht nur in sanierungsbedürftigem Zustand, sondern besteht aus kleinen Räumen, „Butzen“, wie Petersen sagt, die links und rechts von Fluren abgehen. Das sei eine Architektur, die weit von den Vorstellungen für eine moderne pädagogische Nutzung entfernt liegt. „Wir benötigen flexible Räume, die auch einer Ganztagserweiterung gerecht werden. Mir geht es nur um die Lernmöglichkeiten der Schüler“, sagt Petersen. „Um die zu verbessern, müsste der sogenannte Neubau komplett entkernt werden, wenn man ihn nicht gleich ersetzt“, sagt Petersen. Der Vorteil, den das WG habe, seien vorhandene Flächenreserven für einen potenziellen Neubau.

Friedrichsgymnasium

Mehr Platz für Schüler und Lehrer sehnt sich auch Lothar Schöppner, Leiter des Friedrichsgymnasiums, herbei. Auch er rechnet mit einem Anwachsen der Schülerzahl am humanistischen Gymnasium. „Uns fehlt Platz für eine ganze Jahrgangsstufe.“ Das habe auch etwas mit dem Doppeljahrgang zu tun. „Nächstes Jahr kommen weitere vier Klassen hinzu.“ Am Friedrichsgymnasium mit knapp 900 Schülern sind die Einwahlzahlen im vergangenen Jahr wieder gestiegen.

„Wir nutzen jeden Quadratmeter Raum für Schulunterricht“, so Schöppner. Dabei benötige das FG auch dringend Platz für Besprechungsräume in Sachen Inklusion, für Schulsozialarbeit und Schulseelsorge.

Auch das FG, so Schöppner, habe Bauplatzreserven für einen Neubau, sowohl an der Humboldtstraße als auch an der Weinbergstraße.

Infos: Wie viel Geld die Erweiterungen des Friedrichs- und des Wilhelmsgymnasiums kosten sollen, ist noch nicht bekannt. Die Grünen sprachen von insgesamt 60 Millionen Euro. Im Vorfeld hatte der gemeinsame Stavo-Antrag von SPD und CDU für die Schulsanierungen zu Diskussionen und Kritik der anderen Fraktionen geführt.

Bereits Anfang 2019 waren fünf Schulen in das 180 Millionen Euro umfassende Schulsanierungsprogramm der Stadt aufgenommen worden: vier Gesamtschulen mit der Johann-Amos-Comenius-Schule, Offenen Schule Waldau, Schule Hegelsberg und Georg-August-Zinn-Schule sowie die berufliche Elisabeth-Knipping-Schule. (Christina Hein)

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