Ursache ist Verengung im Karpalkanal

Karpaltunnelsyndrom: Taube Finger und Schmerzen durch Druck auf Mittelhandnerv

Gestörter Nerv: Durch den Karpaltunnel (rot gekennzeichnet) verläuft der Mittelhandnerv (gelb). Fotomontage:  Köberich

Seit einiger Zeit schlafen mir nachts die Finger ein. Ich wache davon auf, weil das auch schmerzhaft ist. Kann es sich dabei um ein Karpaltunnelsyndrom handeln, was bedeutet das genau, und wie kann man das behandeln?,“ fragt die 52-jährige Dagmar B.

Auf diese Fragen geht der in Kassel niedergelassene Chirurg Dr. Ulrich Luther ein.

Wie sind die Symptome eines Karpaltunnelsyndroms?

Tatsächlich ist das nächtliche Einschlafen der Finger mit Schmerzen das typische Symptom. Fast immer sind beide Hände betroffen, und fast immer tritt das Phänomen nach Mitternacht auf. Von Taubheit betroffen sind in der Regel Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger und der halbe Ringfinger, jedoch nicht der kleine Finger. Im fortgeschrittenen Stadium kann der Daumenballen flacher werden und sich zurückbilden. Außerdem wird die Feinbewegung der Finger zunehmend ungeschickter und kraftloser. Häufig werde bei Gefühlsstörungen der Hände ursächlich ein Problem der Halswirbelsäule angenommen, dann sei aber meistens nur eine Hand betroffen, erläutert Dr. Luther.

Wen trifft die Erkrankung?

Die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Karpaltunnelsyndrom entwickelt, trifft rund zehn Prozent der Bevölkerung. Frauen ab Ende 40 und nach der Menopause sind dreimal häufiger betroffen als andere. Auch Schwangere, Diabetiker sowie Patienten mit Rheuma, Adipositas und Schilddrüsenerkrankungen sowie mit Speichenbrüchen des Unterarms haben ein höheres Erkrankungsrisiko. Oft trifft es Männer, die sich stark körperlich betätigen.

Was sind die Ursachen?

Ulrich Luther

Ganz offensichtlich entsteht die Erkrankung im Zusammenhang mit Schwellungszuständen des Sehnengleitgewebes durch Überlastung, Abnutzung oder stoffwechselbedingt, aber auch bei hormoneller Umstellung. Der Karpaltunnel ist eine tunnelartige Röhre, die in der Höhe des Handgelenks liegt. Ein breites Band zwischen Daumen- und Kleinfingerballen bildet das Dach. Hindurch geht der Mittelhandnerv. Wenn es in diesem Tunnel zu eng wird, wird Druck auf den Nerv ausgeübt, und ein Taubheitsgefühl entsteht.

Kann man die Erkrankung konservativ, also ohne Operation behandeln?

Taubheit und Schmerzen treten vor allem nachts auf, weil im Schlaf durch ungünstige Handlagerung wie starke Beugung oder Überstreckung der Tunneldurchschnitt abgeflacht wird. Deshalb hilft nach der Erfahrung des Chirurgen das nächtliche Tragen einer sogenannten Langschiene fast immer bei leichten Beschwerden. Auch Cortisonspritzen könnten - wenn auch meist nicht langfristig - helfen.

Wann sollte man operieren?

Wenn die nächtlichen Beschwerden häufig auftreten, sollte man an eine Operation denken. Luther: „Wenn man merkt, dass der Daumeballen flach wird, ist es höchste Eisenbahn.“ Denn wenn man zu spät operiere, könne es sein, dass sich die Beschwerden nicht mehr vollständig zurückbilden. Doch auch bei einem hochgradig eingeklemmten Nerv und auch bei Patienten im fortgeschrittenen Lebensalter, bestehe noch eine gute Chance, und die Lebensqualität verbessere sich in jedem Fall.

Wie läuft der Eingriff ab?

Vor dem operativen Eingriff steht eine gründliche Diagnostik, zu der auch die Messung der Nervengeschwindigkeit des Mittelhandnervs bei einem Neurologen gehört.

Bei der ambulanten Operation wird der Arm betäubt und eine Oberarmblutsperre angelegt, um den Verlauf des Nervs besser darstellen zu können. Es folgt ein kleiner, zwei bis zweieinhalb Zentimeter großer Schnitt in der Handinnenfläche. Nun wird der Chirurg das Tunneldach durchtrennen und den Nerv bis in den Unterarm hinein freilegen. Oft wird auch ein Teil der Beugesehnenscheiden entfernt. Die Finger können schon am ersten Tag wieder bewegt werden. Die meisten Patienten sind nach drei Wochen wieder arbeitsfähig.

Wie geht es nach der OP weiter?

90 Prozent der Patienten berichten laut Luther davon, dass die nächtlichen Beschwerden sofort nachlassen. Wenn Finger bereits dauerhaft taub waren, könne es aber Monate dauern, bis das Gefühl wiederkommt, wenngleich dies nicht immer objektiv messbar sei. Bei manchen Patienten könnten bis zu einem halben Jahr danach noch Narbenschmerzen auftreten, was aber normal sei. Auch eventuelle Beschwerden des Daumenballenmuskels seien vorübergehend. Luther: „Die Operation steht in einem guten Verhältnis zum Ergebnis, denn diese hat ein deutlich verbessertes Maß an Lebensqualität zur Folge.“

Von Martina Heise-Thonicke

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