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Unstimmigkeiten über Beuys-Baum in Kassel: Plötzlich war die Esche weg

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Sie sind verärgert, dass ihre „Beuys-Esche“ in der Ochsenallee verschwunden ist: (von links) Jörg Sperling, Elke Bockhorst und Hannes Volz.
Sie sind verärgert, dass ihre „Beuys-Esche“ in der Ochsenallee verschwunden ist: (von links) Jörg Sperling, Elke Bockhorst und Hannes Volz. © Ulrike Pflüger-Scherb

Die Stadt Kassel hat einen von Privatpersonen gepflanzten „Beuys-Baum“ in der Ochsenallee entfernt.

Kassel – Dürfen Privatpersonen Beuys-Bäume auf eigene Faust einfach nachpflanzen? Offenbar nicht, wie Elke Bockhorst, Jörg Sperling und Hannes Volz jetzt erfahren haben. Die drei Kasseler, die sich dem documenta-Kunstwerk „7000 Eichen“ eng verbunden fühlen, haben einen fehlenden Beuys-Baum, eine Esche, in der Ochsenallee ersetzt. Die Stadt hat den Baum jetzt wieder entfernt.

Der Baum in der Allee habe schon etwa acht Jahre gefehlt, sagt Bockhorst, die bis 2015 Mitglied im Beirat „7000 Eichen“ und bis 2016 in der Stiftung war. Sie habe dort öfters angeregt, die Lücke in der Ochsenallee zu schließen. Vor zwei Jahren habe sie auch mit Stadtbaurat Christof Nolda und Volker Lange, Abteilungsleiter im Umwelt- und Gartenamt, ein Gespräch darüber geführt. Dort habe sie die Auskunft bekommen, eine Nachpflanzung könne nicht erfolgen, da Eschen Krankheiten übertragen könnten. Auch sei es nicht gewünscht, dass dort ein anderer Baum gepflanzt wird.

So sei die Idee entstanden, die Esche selbst nachzupflanzen. Das geschah am 10. April 2021. Im August 2021 mussten das Ehepaar Bockhorst und Sperling, das den jungen Baum regelmäßig gewässert hatte, feststellen, dass er umgeknickt worden war. Sie pflanzten daraufhin mit Freiraumplaner Volz im November 2021 eine neue Esche. Der zweite Baum wurde ebenfalls abgeknickt, im Januar dieses Jahres. Volz schnitt den abgeknickten Baum auf den Stock zurück und spendierte zudem noch eine Stele aus Basalt, die etwas schlanker als die üblichen Beuys-Stelen gewesen sei. Mitte Juli habe der Baum mehrere Triebe ausgebildet gehabt. „Die haben wir bis auf den größten zurückgeschnitten und noch einen Bissschutz angebracht“, so Bockhorst. Als sie kürzlich den Baum habe wässern wollen, war er samt Stele verschwunden.

Ein Anruf beim Umwelt- und Gartenamt brachte Klarheit: Dort teilte man Sperling, der bis vor Kurzem noch Vorsitzender des documenta-Forums war, mit, dass man Baum und Stele entfernt habe.

Die Stadt bestätigt das auf Anfrage der HNA. An dieser Stelle sei bewusst keine Nachpflanzung vorgesehen gewesen, weil es sich bei den Bäumen um stark und breit wachsende Eschen handele, die an den meisten Stellen bereits zu einer geschlossenen Reihe zusammengewachsen seien, so ein Sprecher. „Jungbäume haben unter einem Dach von Altbäumen beziehungsweise der entsprechenden Wurzelkonkurrenz keine langfristige Entwicklungsperspektive.“

Ein weiterer wesentlicher Grund sei das sogenannte „Eschentriebsterben“, eine Pilzerkrankung, die sich bedingt durch den Klimawandel verstärkt ausbreite und dauerhaft befallene Bäume deutlich schwäche beziehungsweise zum Absterben bringe. Da auch Jungbäume bereits ohne äußerliche Anzeichen Überträger des Pilzes sein könnten, würden Eschen nicht nachgepflanzt, um sich nicht die Krankheit auch noch aktiv einzukaufen und bislang krankheitsfreie Bestände zu infizieren.

Das weist Freiraumplaner Volz zurück. Man könne Bäume durchaus in alten Alleen nachpflanzen, das sei bereits in der Henschelstraße und der Landgraf-Karl-Straße geschehen. Darüber hinaus seien die Bäume in der Ochsenallee nicht vom „Eschentriebsterben“ betroffen. „Wir hätten ja alternativ auch einen anderen Baum gepflanzt. Alles ist besser als diese Lücke“, sagt Bockhorst. Sperling weist darauf hin, dass die Stadt zumindest die Stele „als Wächter“ hätte stehen lassen sollen, nachdem die Original-Esche von Beuys eingegangen sei. Das wäre im Sinne des Künstlers gewesen.

Bei der Stadt verweist man darauf, dass man von der Pflanzaktion der Privatleute nicht informiert worden sei. „Auch gute Absichten wie die der Initiatoren und Initiatorin sollten zuvor mit dem zuständigen Umwelt- und Gartenamt abgestimmt werden – zumal es sich beim Standort um eine öffentliche Fläche handelt – und um fachliche Fragen zur Eignung von Standorten und Baumarten klären zu können“, so der Sprecher.

Aus den genannten fachlichen Gründen sowie der Sonderstellung, die das Kunstwerk „7000 Eichen“ als Garten- und Kulturdenkmal gemäß Hessischem Denkmalschutzgesetz einnehme, sei die Pflanzung an diesem Ort nicht möglich gewesen.

Das sieht Volker Schäfer, Vorsitzender der Stiftung „7000 Eichen“, genauso. Er ist auch 2. Vorsitzender des documenta-Forums und hat dort lange unter Sperling als Stellvertreter fungiert. „Die Personen, die das gemacht haben, hätten wissen müssen, dass Veränderungen eines Kulturdenkmals nicht in Belieben von Einzelpersonen gestellt werden können.“ „Privatpersonen können nicht über Nachpflanzungen bestimmen.“

Zudem verweist er auf das Baumkataster, in dem jede Pflanzung der „7000 Eichen“ dokumentiert wird. Bei anonymen Pflanzungen würde das Kataster nicht mehr stimmen. (use)

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