Carolyn Christov-Bakargiev sorgt für Wirbel mit einem Zeitungsinterview - Eine Einordnung

Die Politik der Erdbeere

Sie nimmt gern ihre Hündin auf Termine mit: documenta-Chefin Carolyn Christov-Bakargiev mit Malteserhündin Darsi. Foto:  Zucchi/dpa

Für Zunder im Stadtgespräch um die documenta 13 sorgt aktuell ein Interview, das Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev in der Donnerstagausgabe der „Süddeutschen Zeitung“ gegeben hat. Darin spricht sie von politischen Mitsprachemöglichkeiten für Erdbeeren und Hunde. Was bedeutet das?

Zunächst das ganze Zitat: „Meiner Meinung nach dürfen sich in einer wahren Demokratie alle äußern. Die Frage ist nicht, ob wir Hunden oder Erdbeeren die Erlaubnis zum Wählen erteilen, sondern wie eine Erdbeere ihre politische Intention vorbringen kann. Ich will Tiere und Pflanzen nicht schützen, sondern emanzipieren. Früher hieß es, wir haben allgemeines Wahlrecht, aber die Frauen wählten nicht. Warum sah keiner den Widerspruch? Wenn man das Subjekt des Bürgers nur als männlich konstituierte, gab es ja tatsächlich allgemeines Wahlrecht.“

Im Gespräch mit Journalistin Kia Vahland erklärt Christov-Bakargiev eines ihrer zentralen Anliegen: Sie möchte eine nicht menschenbezogene Weltsicht stärken und die selbst gemachte Vorherrschaft des Menschen gegenüber den Mitgeschöpfen aufbrechen.

Dass Höhlenmalerei als Kunst betrachtet wird, so eines ihrer Beispiele, ist eine gesellschaftliche Festlegung, und zwar eine, die erst mit dem Aufkommen des Bürgertums getroffen wurde. Davor wurden Kritzeleien von Ur-Menschen anders bewertet. Warum, fragt sie nun, soll dann ein Bienenstock nicht Kunst sein, das ist immerhin ein äußerst komplexes Gebilde, das Bienen herstellen.

Jede Einordnung, wie wertvoll menschliche und nicht menschliche Hervorbringungen sind, basiert auf gesellschaftlichen Festlegungen. Christov-Bakargiev will deutlich machen, wo Menschen Bewertungen vornehmen, was Kunst sei oder wer überhaupt Kunst erzeugen kann. „Wenn Sie schauen, warum die Menschen Höhlen ausgemalt haben, unterscheidet sich das nicht unbedingt von den Gründen, aus denen eine Spinne ihr Netz baut. Es geht ums Überleben, um Nahrung und Genuss.“

Konsequenz aus diesem radikalen Infragestellen von Unterscheidungen ist zum Beispiel documenta-Kunst für Hunde - es wird einen Hundespielplatz und Führungen mit Hunden geben.

Für Christov-Bakargiev sind Künstler Grundlagenforscher, ähnlich wie Quantenphysiker. Sie sagt: „Ich sehe die documenta als Laboratorium“, und erklärt, dass sie die Ausstellung so einrichten will, dass sie so einfach wie möglich zu benutzen ist.

Die documenta ist für sie die „Membran“, die Schnittstelle zwischen dem Publikum und der darzustellenden Welt - diese Membran möchte sie so leicht überwindlich wie möglich machen. „Wenn ich nicht so viel über die Besucher nachdenke, sind die Leute am glücklichsten.“

Die Kuratorin möchte mit der documenta 13 einen „unverstellten Einblick“ in die Welt ermöglichen. KULTUR, HINTERGRUND

Von Bettina Fraschke

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