Interview über die islamkritischen Demonstrationen in Kassel

Politikwissenschaftler Overwien: „Kagida versucht, uns zu spalten“

Seit sieben Wochen in Kassel: Die Gruppe Kagida demonstriert seit Dezember jeden Montag auf dem Scheidemannplatz gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes. Vergangenen Montag schlossen sich 230 Menschen der Gruppe an. Foto: Fischer

Kassel. Die Gruppe Kagida hat am Montag 230 Anhänger um sich versammelt. Wir sprachen mit Prof. Bernd Overwien von der Uni Kassel über das Phänomen Kagida.

Kagida („Kassel gegen die Islamisierung des Abendlandes“)schließen sich zunehmend nicht nur Angehörige der rechten Szene an, sondern auch Familien, Rentner und gut situierte Bürger. Wieso hat die Bewegung diesen Zulauf? 

Prof. Bernd Overwien: Durch den islamistisch begründeten Terror in der Welt gibt es eine Verunsicherung. Viele Menschen haben Angst, dass so etwas auch hier passiert. Das Problem ist, dass wir im Zeitalter der Globalisierung die Gräueltaten von Boko Haram in Nigeria oder den Terror im Mittleren und Nahen Osten wahrnehmen, als wäre er uns nahe. Dabei wird übersehen, dass nur ein sehr geringer Teil der Muslime hier radikal-islamisch denkt. Die Ängste der Menschen macht sich Kagida zunutze. Der Kern der Bewegung, das muss man klar sagen, steht für Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Kagida versucht, unsere Gesellschaft zu spalten.

Noch sind die Dimensionen in Kassel überschaubar. Wird Kagida weiter wachsen? 

Overwien: Das ist schwer zu sagen. Ich glaube eher nicht, dass es in Westdeutschland der Fall sein wird. Es gibt eine starke Zivilgesellschaft, die dagegen argumentiert. Im Osten ist die Gefahr größer: Dort gibt es mehr Menschen, die sozialen Abstieg erlebt haben und empfänglicher für die Thesen von Kagida sind.

Was ist von diesen 19 Thesen zu halten? Einige davon - wie der Ruf nach Integration oder nach einer dezentralen Unterbringung von Flüchtlingen - sind ja auf den ersten Blick unproblematisch. 

Overwien: Die 19 Thesen sind die weich gewaschene Version dessen, was die Veranstalter eigentlich in die Welt setzen wollen. Es handelt sich um typisch populistische Aussagen. So versucht man erst mal, Publikum anzulocken, um die Thesen auf den Demonstrationen dann zuzuspitzen. Ziel ist, Überfremdungsängste zu schüren. Meine Befürchtung ist, dass im Kagida-Fahrwasser auch die Neonazi-Szene in der Region erstarken könnte.

Was ist die Ursache für die Fremdenangst, die ja offenbar viele Menschen teilen? 

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Overwien: Vorbehalte gegenüber dem, was man als fremd empfindet, und rassistische Tendenzen gibt es auch in der Mitte der Gesellschaft und das auch schon seit Jahrzehnten. Interessant ist, dass Ablehnung und Angst dort besonders ausgeprägt sind, wo ein direkter Kontakt nicht besteht - zum Beispiel in Dresden, wo es kaum Muslime gibt, aber über 20 000 bei Pegida mitlaufen.

Dann dürfte Kassel, wo jeder Dritte ausländische Wurzeln hat, nicht so gefährdet sein.

Overwien: Im Prinzip nicht. Das heißt natürlich nicht, dass es keine Probleme gibt. Wo verschiedene Kulturen und soziale Gruppen aufeinandertreffen, gibt es mitunter Reibereien, es gibt ghettoartige Viertel, wo Zuwanderer weitgehend unter sich bleiben. Über solche Probleme müssen wir in einer Gesellschaft, in der es Migration gibt und auch künftig geben wird, reden.

Viele Kasseler wollen, dass Kagida lieber heute als morgen aufhört. Aber wie sollte man damit umgehen? Ignorieren oder dagegen angehen? 

Overwien: Totschweigen ist mit Sicherheit nicht die richtige Strategie. Ich finde es auch wichtig, dass die Gegendemonstrationen stattfinden, damit Kagida nicht allein eine Bühne kriegt. Man sollte schon deutlich zum Ausdruck bringen, was man selbst zu dem Thema denkt - das muss natürlich friedlich bleiben. Grundsätzlich ist ein Konflikt immer auch eine Chance zur Klärung. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit Migration im Dialog mit Zuwanderern künftig umgehen und wie wir von plumpen Bildern zu einer differenzierten Weltsicht kommen. Bei eingefleischten Neonazis gibt es sicher keine Chance, ein Umdenken zu erreichen, aber bei den Mitläufern lohnt es sich, in die Diskussion zu gehen. Auch in Familien oder in Betrieben.

Werden die Kagida-Anhänger durch den Gegenwind aus Politik und Gesellschaft nicht womöglich noch angetrieben?

Overwien: Es ist schon wichtig, dass die Gruppe von öffentlichen Stimmen bewertet wird. Sie wird sich nämlich ohnehin ihre Öffentlichkeit suchen, vor allem im Internet. Daher werden wir nicht umhinkommen, uns damit auseinanderzusetzen. Kagida spricht Probleme und Ängste rund um das Thema Migration an, die Menschen bewegen. Hier müssen sich die etablierten Parteien, die sich ja immer stärker zur politischen Mitte entwickelt haben, sich stärker direkt mit den Sorgen der Menschen auseinandersetzen. Und zwar auf konstruktive Weise. Sonst nutzen Parteien wie die AfD oder Gruppen wie Kagida und Co. dieses Vakuum aus.

Von Katja Rudolph

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