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Kühnert auf der Kiste: Politpromis bei Schaustellern in Kassel

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Von: Florian Hagemann

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Kevin Kühnert auf der Kiste: Der SPD-Generalsekretär bekam eine kleine Unterstützung.
Kevin Kühnert auf der Kiste: Der SPD-Generalsekretär bekam eine kleine Unterstützung. © Swen Pförtner/dpa

Politprominenz bei der Großkundgebung des Schaustellerbundes in Kassel: SPD-Generalsekretär Kevin Kühnert und CDU-Vorsitzender Friedrich Merz sorgen für Lacher, im Kern aber geht es um ernste Sorgen der Branche.

Kassel – Ein bisschen kam der Eindruck auf, als sei das Ganze auch eine Kirmes. Draußen vor der Stadthalle stand eine alte Konzertorgel, wie sie jeden Jahrmarkt nicht schöner schmücken könnte. Im Kongress-Palais liefen zunächst so viele Schausteller mit ihren Traditionsfahnen ein, dass am Ende die Bühne kaum reichte, damit alle ihren Platz fanden.

Ohnehin war die Bühne reichlich ausgestattet mit Symbolen, die jeder mit dem örtlichen Volksfest in Verbindung bringt. Dort standen ein altes Karussellpferd und ein Gefährt, das mal Teil eines Autoscootergeschäfts war und das an viel Spaß, aber auch ein klein wenig an Rückenschmerzen erinnerte.

Das also war der Rahmen der Großkundgebung, die der Deutsche Schaustellerbund am Samstag in Kassel abhielt. Zum Rummelgefühl passte, dass Präsident Albert Ritter, der durch den Nachmittag führte, auf einmal ein Bierchen zum Rednerpult gebracht bekam. Und: dass sich auch die Politprominenz in ihren Reden mitunter sehr launig zeigte.

Kevin Kühnert zum Beispiel. Der SPD-Generalsekretär nahm zu Beginn seines Beitrags Bezug auf das ungewöhnliche Rednerpult, in das eben jenes Karussellpferd integriert war und so insgesamt sehr hoch daherkam. Für ihn als kleineren Menschen sei das schon eine Herausforderung. Prompt wurde ihm eine Bierkiste geliefert. Kühnert redete sodann in erhöhter Position weiter und sagte: „Einmal die Luft von Friedrich Merz schnuppern.“

Merz, der CDU-Chef, war auch da – und revanchierte sich, als er mit seinen fast zwei Metern auf der Bühne stand: „Ich finde das Rednerpult gut. Sollte es irgendwann mal ausgetauscht werden, bekomme ich das Pult und Herr Kühnert das Pferd.“

Für Lacher war also gesorgt, auch wenn diese Großkundgebung dann doch alles andere als eine Kirmesveranstaltung war. Die ernsten Themen standen im Mittelpunkt: die Ängste und Sorgen einer Branche, die während Corona arg gebeutelt wurde. Vom einen auf den anderen Tag waren die Schausteller zum Nichtstun verurteilt. Sie fühlten sich von der großen Politik im Stich gelassen – auch weil sie nicht als systemrelevant eingestuft wurden. Konrad Ruppert, der Vorsitzende des Schaustellerverbands Kassel-Göttingen, sagte mit Bezug auf die Krisenjahre: „Das tat weh.“

Zu Gast beim Schaustellerbund in Kassel: der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz.
Zu Gast beim Schaustellerbund in Kassel: der CDU-Vorsitzende Friedrich Merz. © Swen Pförtner/dpa

Der Stachel sitzt noch immer tief bei den Betreibern von Fahrgeschäften und Mandelbuden aus ganz Deutschland, von denen rund 500 in der Stadthalle waren. Sie sehen sich benachteiligt – nicht nur in der Coronakrise, sondern auch bei anderen Themen, etwa dem Strompreis. Als Reisende haben sie keine Möglichkeit, günstige Tarife abzuschließen. Auch das bedrückt sie. Hinzu kommen der Mangel an Mitarbeitenden und die Bürokratiehürden. Und vieles mehr.

Immerhin gab es genügend Politiker, die sich die Sorgen anhörten. Neben Kühnert und Merz waren Edgar Franke, Staatssekretär in Karl Lauterbachs Gesundheitsministerium, Hessens Landtagspräsidentin Astrid Wallmann, Hessens Justizminister Roman Poseck und Kassels Oberbürgermeister Christian Geselle vor Ort. Sie unterstrichen die Bedeutung von Volksfesten mit ihrer Fähigkeit, Kinderlachen und Freude hervorzurufen. Alle wollen helfen, damit sich die Lage bessert. Kühnert bezeichnete Volksfeste als Daseinsvorsorge: „Sie sind Vorsorge dafür, dass die Gesellschaft zusammenhalten kann.“

Eine Stärkung erhofft sich der Schaustellerbund durch die Forderung, Volksfeste als immaterielles Kulturerbe anzuerkennen. Merz machte klar, dass dies in einem Antrag seiner Partei zum Neustart für Schausteller gleich im ersten Satz festgehalten sei. Am Donnerstag soll im Bundestag darüber debattiert werden.

Dafür gab es viel Applaus der Schausteller, die in all der Krisenzeit auch Zuspruch erfuhren durch einzelne Kommunen, die versuchten, ihnen entgegenzukommen. Als positives Beispiel wurde Kassel genannt. (Florian Hagemann)

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