Experten: Keine Hinweise auf ernst zu nehmende Gefahr

Nach Alarm wegen Amokdrohung: Protokoll eines Großeinsatzes an Kasseler Schule

Wegen eines möglichen Amoklaufs war die Kasseler Paul-Julius-von-Reuter-Schule am Mittwoch geräumt worden. So verlieft ein Vormittag, der kein alltäglicher war. 

Dieser Artikel wurde um 20.14 Uhr aktualisiert. Großeinsatz der Polizei an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule im Kasseler Stadtteil Mitte: Wegen eines angekündigten Amoklaufs wurde die Schule am Mittwochmorgen geräumt. Bei Polizei und im Schulsekretariat gab es kurz nach 7 Uhr jeweils zwei Anrufe, die entsprechende Taten ankündigten. Erst gegen 9.30 Uhr wurde die Sperrung wieder aufgehoben. Taschen und Rucksäcke wurden jedoch mit Metalldetektoren durchsucht.

Experten der Zentralen Psychologischen Dienstes an der Polizeiakademie in Wiesbaden kamen unterdessen zum Ergebnis, dass die Drohungen keine Hinweise auf eine ernst zu nehmende Gewalttat enthielten. Auch deshalb sollte der Einsatz der Beamten am frühen Mittag enden. 

Schüler auch per WhatsApp informiert

Der Unterricht soll dann auch wieder stattfinden. Zuvor waren Schüler auch per WhatsApp-Gruppen informiert worden, dass es eine Amokdrohung gebe. Die Schüler sollten erst zur dritten Stunde kommen. Andere waren irritiert, weil ihnen gesagt wurde, es gehe erst um 11 Uhr weiter. Diejenigen, die trotz der Hinweise zur ersten Stunde gekommen waren, wurden gebeten, den großräumig abgesperrten Bereich um die Schule wieder zu verlassen.

Ausnahmezustand: Bewaffnete SEK-Beamte stehen vor den Eingängen der Paul-Julius-von-Reuter-Schule.

Die Polizei war mit einem Großaufgebot im Einsatz - auch mit Spezialeinsatzkräften sowie einem Notinterventionsteam. Für den Verkehr waren Schillerstraße, Jägerstraße und Gießbergstraße gesperrt.

Die Polizei sucht nun nach dem Anrufer. Wer mit Straftaten droht, muss mit einer  Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren rechnen. Auch für die entstandenen Kosten solcher Einsätze müssen Täter aufkommen. 

Protokoll eines Vormittags, der kein alltäglicher war

8.15 Uhr

Es ist nicht möglich, in die Reuter-Schule zu kommen. Überall stehen Polizeiwagen, vor ihnen Beamte. Einige Straßen sind gesperrt. Das machen Flatterbänder und Pylonen deutlich. Matthias Mänz, der Pressesprecher der Polizei, gibt die ersten Informationen weiter. Er spricht von einer Bedrohung gegen die Schule – geäußert in Anrufen. Die Schule sei geräumt worden und werde durchsucht. Auch das Notinterventionsteam und Spezialkräfte seien im Einsatz.

Schüler sind zu dieser Zeit kaum welche auf der Straße zu sehen. Viele sind zu Hause geblieben, weil sie rechtzeitig informiert worden sind – über WhatsApp. Einer berichtet über Diskussionen in den Klassenchats. Sollen die Schüler heute überhaupt noch zur Schule gehen, wenn die Polizei wieder abgerückt ist? „Bei manchen haben die Eltern etwas dagegen“, sagt einer.

9 Uhr 

Es gibt immer mehr Beobachter der Szenerie. Die Leute stehen in der Gießbergstraße, in der Jägerstraße. Sie wollen wissen, was los ist. Dort wartet auch der 22-jährige Berufsschüler Jannik. Er hat gehört, dass die Taschen aller Schüler später kontrolliert werden sollen, wenn die Schule wieder geöffnet ist. Jannik, der Einzelhandelskaufmann lernt, würde es besser finden, wenn die Schule komplett ausfiele. „Heute kann ich mich nicht mehr konzentrieren.“

9.30 Uhr

Eine Polizistin entfernt das Flatterband an der Gießbergstraße. Den Schülern wird mitgeteilt, dass sie wieder ins Gebäude dürfen. An den Eingängen werden allerdings die Schüler und die Taschen überprüft. Die Polizei setzt auch Metallsuchgeräte ein. Polizeisprecher Mänz erklärt, dass man sich zu dieser Maßnahme entschlossen habe, um sicherzugehen, dass niemand gefährliche Gegenstände mit in die Schule nimmt. Schließlich ist mit einer Gewalttat gedroht worden.

Aus diesem Grund sind auch Spezialkräfte der Polizei vor Ort. Das ist bei solchen Einsätzen Standard. Dabei handelt es sich auch um SEK-Beamte mit Maschinenpistolen. Vor den Eingängen bilden sich Schlangen. Jeder Schüler wird einzeln kontrolliert. Das dauert, je nach Größe der Tasche, 30 Sekunden bis zu einer Minute.

„Ich fühl mich wie im Krieg hier“, sagt ein Schüler mit Blick auf die schwer bewaffneten SEK-Beamten. Einer von denen kontert: „Nehmen Sie die Hände aus der Tasche. Meinen Sie, wir sind zum Spaß hier?“ Der Schüler verschwindet und stellt sich an der Schlange an. Anderen dauert das Warten zu lange. „Komm, wir gehen und chillen noch ein wenig“, sagt ein junger Mann.

10 Uhr

Der 17-jährige Jan-Philipp Mensing aus Reinhardshagen ist froh über die Polizeipräsenz und die Kontrollen. „Ich fühl mich sicher.“ Er findet es gut, dass die Beamten die Drohung ernst genommen haben. Der 17-Jährige fragt Polizeisprecher Mänz, ob er ein Selfie mit ihm machen darf. Der stimmt zu.

10.15 Uhr

Sascha Gröling, Kommunikator der Polizei, macht eine Lautsprecherdurchsage. Er bittet die Schüler, während des Wartens die Hände aus den Taschen zu nehmen. Das würde die Arbeit der Polizei erheblich erleichtern. Dann müssten die Beamten nicht davon ausgehen, dass einer der Schüler plötzlich einen gefährlichen Gegenstand hervorholt. Ein Schüler fragt den Polizisten, ob die Beamten nicht den ganzen Tag bleiben könnten. Dann habe man ein besseres Gefühl. Einige Polizisten bleiben bis zum Schulschluss. 

Nicht nur die Reuter-Schule musste geräumt werden. Auch an der Alten Landesschule in Korbach gab es eine Bombendrohung mit Folgen.

Polizeisprecher Matthias Mänz über den Einsatz:

Ähnlicher Fall im Mai 

Bereits Ende Mai gab es einen ähnlichen Zwischenfall an der Reuter-Schule. Ein Anrufer, der anonym blieb, drohte damit, dass eine Bombe hochgehen sollte. Der Anrufer meldete sich via Notruf bei der Polizei, um seine Nachricht zu übermitteln. Vorsorglich wurde die Schule für einige Stunden geschlossen - obwohl die Experten der Polizei nicht von einer ernsthaften Gefahr ausgingen. Bis heute ist offenbar nicht klar, wer hinter der Aktion steckte. Nun ermitteln die Beamten, ob es einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen geben könnte.

Die Drohung im Frühjahr war nicht das erste Mal, dass die Reuter-Schule Gegenstand von Schlagzeilen wurde: 2016 war der 34-jährige Steven N. vor den Türen der Schule getötet worden. Er gehörte zur Kasseler Trinkerszene, die sich regelmäßig auf der Grünfläche an der Schillerstraße/Ecke Gießbergstraße an der Schule versammelte. Alkohol- und Drogenkranke hielten sich zu dieser Zeit regelmäßig auf dem Schulgelände auf und beschmutzten beispielsweise die Toiletten. Zudem hatte die Schule mit Beschaffungskriminalität zu kämpfen.

Die Reuter-Schule in Kassel

Die Reuter-Schule ist eine Berufs- und Fachoberschule in Kassel. Fachoberschüler können hier die Schwerpunkte Wirtschaft und Verwaltung oder Wirtschaftsinformatik auswählen. Zu den Ausbildungsberufen der Berufsschule zählen beispielsweise Kaufmann, Verkäufer, Automobilkaufmann, Fachlagerist, Sportfachmann, Sport- und Fitnesskaufmann sowie Veranstaltungskaufmann.

Polizeieinsatz nach Amokdrohung an Kasseler Paul-Julius-von-Reuter-Schule

Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Sch achtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider
Polizeieinsatz an der Reuterschule KasselFoto: Schachtschneider
Amokdrohung: Polizeieinsatz an der Paul-Julius-von-Reuter-Schule in Kassel © Dieter Schachtschneider

Rubriklistenbild: © Ulrike Pflüger-Scherb

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