Eckhard Sauer im Interview über zehn Jahre PP Nordhessen und Herausforderungen

Polizeipräsident: Polizisten wollen nach Kassel

Kassel. Jeder zehnte Polizist im Polizeipräsidium Nordhessen ist nur noch eingeschränkt dienstfähig. „Manche können zum Beispiel nur noch Tagdienst machen oder Bürotätigkeiten nachgehen“, sagte Polizeipräsident Eckhard Sauer der HNA in einem Interview.

Eckhard Sauer

Vor zehn Jahren sprach der damalige Innenminister und heutige Ministerpräsident Volker Bouffier von einer „Jahrhundertreform“. Mit der Polizeireform, die 2001 in Kraft trat, wurde die Polizei aus der allgemeinen Verwaltung der Landräte und Regierungspräsidenten herausgelöst. Hessenweit entstanden sieben neue Polizeipräsidien. Über die Folgen der Reform und die Situation im Polizeipräsidium (PP) Nordhessen sprachen wir mit Nordhessens Polizeipräsident Eckhard Sauer.

Mit dem Inkrafttreten der Polizeireform vor zehn Jahren sollte bei der Polizei alles straffer werden. Hat sich das bewahrheitet?

Eckhard Sauer: Die Regierungspräsidien und die Landräte sind als Aufsichtsbehörden weggefallen. Wir unterstehen jetzt direkt dem Landespolizeipräsidium, das im Innenministerium angesiedelt ist. Dadurch wurde die Führung in Hessen straffer und einheitlicher.

Wie sieht es mit der Steigerung der Effizienz aus?

Sauer: Durch die Integration der Beamten des Regierungspräsidiums in das neue Bereichspräsidium wurden die Bereiche, die Polizei führen, verwalten und versorgen, zusammengefasst. So gibt es nur noch eine Einsatzzentrale. Dadurch war eine Verstärkung der Beamten auf der Straße möglich.

Vor zehn Jahren waren im PP Nordhessen 1621 Vollzugsbeamte, 13 Verwaltungsbeamte, 336 Angestellte und 87 Arbeiter beschäftigt. Wie sieht der Personalstand heute aus?

Sauer: Wir sind mittlerweile personell fast wieder auf dem Stand wie vor der Operation „Sichere Zukunft“. Aufgrund von Sparmaßnahmen hatte die Landesregierung ja 70 Stellen in Nordhessen sukzessive abgebaut. Das ist fast wieder ausgeglichen, wir warten aber auf weitere personelle Verstärkung durch die Einstellungsoffensive der Landesregierung.

Im PP Nordhessen liegt der Altersdurchschnitt bei der Schutzpolizei bei 44 und bei der Kriminalpolizei bei 45 Jahren. Die Polizisten ist Frankfurt sind im Durchschnitt jünger. Woran liegt das?

Sauer: In Frankfurt haben junge Menschen nach wie vor mehr Alternativen, einen guten Job zu finden: Beim Flughafen oder bei den Banken. Deshalb gibt es dort nicht so viele Bewerber bei der Polizei wie bei uns in Nordhessen. Wir sagen den Bewerbern immer bei der Einstellung, dass ihr Dienstort in Südhessen liegen wird. Die meisten glauben aber, dass sie Glück haben und irgendwann in den Norden zurückkommen. Sie bewerben sich immer wieder für eine heimatnahe Dienststelle. Wegen der sozialen Gerechtigkeit übernehmen wir dann auch noch 50-jährige Polizisten, die jahrelang in Frankfurt gearbeitet haben. Viele Beamte, die in Nordhessen leben, pendeln aber auch in den Süden.

Die Polizei ist rund um die Uhr besetzt. Dazu gehören auch viele Nachtschichten. Wie verkraften das ihre Kollegen? Sauer: Der Nachtdienst schädigt die Gesundheit am meisten. Im PP Nordhessen haben wir 198 Mitarbeiter, das sind zehn Prozent, die nur noch eingeschränkt dienstfähig sind. Manche können zum Beispiel nur noch Tagdienst machen oder Bürotätigkeiten nachgehen.

Bereitet das den gesunden Kollegen Schwierigkeiten? Sauer: Wenn wir zum Beispiel Hundertschaften für Demonstrationen in Frankfurt abstellen müssen und immer weniger Beamte diese Belastung schultern können, dann besteht die Gefahr, dass diese auch noch krank werden. An einigen Dienststellen im ländlichen Bereich sind wir bereits an die Grenzen gestoßen. Das heißt, dass dort keine weiteren Beamten, die nicht voll einsatzfähig sind, zu verkraften wären.

Was werden Sie gegen diese Entwicklung tun?

Sauer: Wir werden enger mit den Polizeiärzten bei der Bewertung der Dienstfähigkeit zusammenarbeiten. Dabei dürfen wir als Behörde nie aus den Augen verlieren, dass wir einen reibungslosen Betrieb gewährleisten müssen. Bei der Häufung bestimmter Einschränkungen müssen wir ggf. auch Vollzugsbeamte vorzeitig in Ruhestand schicken.

Vor welchen weiteren Herausforderungen stehen Sie? Sauer: Wir haben uns auf die Bekämpfung neuer Kriminalitätsformen gut vorbereitet. So haben wir beispielsweise ein zentrales Internetkommissariat gebildet und die Präventionsarbeit personell verstärkt und organisatorisch neu aufgestellt. Daneben gibt es zwei wichtige Bauvorhaben. Am Loh in Baunatal soll Ende des Jahres ein hochmodernes Trainingszentrum eröffnet werden. Das Zentrum stellt einen Quantensprung in der Aus- und Weiterbildung der Polizei dar. Daneben soll ein neues Dienstgebäude für zentrale Abteilungen der Polizei gebaut werden. 70 Beamte sollen im Jahr 2013 von Kassel nach Baunatal umziehen.

Das im Jahr 1996 errichtete Polizeipräsidium in Kassel ist zu klein.

Sauer: Ja, nach der Zusammenlegung mit den Polizeibeamten aus dem Regierungspräsidium wurde das neue Präsidium schon zu klein, Dienststellen mussten zwischenzeitlich ausgelagert werden. Mit Vollendung der Neubaumaßnahmen wird sich die Unterbringungssituation im Polizeipräsidium deutlich entspannen. (use)

 

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