Polizisten kritisieren Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Der spricht nicht für uns“

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In der Kritik:  Der Bundesvorsitzende der Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt

Kassel. Er provoziert und polarisiert. Und er erweckt den Eindruck, für alle Polizisten zu sprechen: Rainer Wendt, Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG). Das ärgert nicht wenige Beamte - auch in der Region

Das ärgert nicht wenige Beamte, zumal die DPolG nur einen Teil der Polizisten in Deutschland vertritt. Die DPolG zählt bundesweit 94.000 Mitglieder, die Gewerkschaft der Polizei (GdP) rund 181.000. Als dritte Gewerkschaft gibt es noch den Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK), der etwa 15.000 Beamte vertritt.

Rainer Wendt

In Nordhessen liegen die Zahlen noch weiter auseinander. Dort zählt die GdP 1965 Mitglieder und die DPolG um die 100. Warum wird immer der Wendt mit seinen Aussagen zitiert, fragte kürzlich ein Kriminalbeamter des Polizeipräsidiums Nordhessen: „Der spricht doch gar nicht für uns.“

So hatte Wendt zum Beispielim Oktober 2015 in einem Interview der „Welt am Sonntag“ gefordert, dass an der deutschen Grenze zu Österreich ein Zaun gebaut wird, um Flüchtlinge aufzuhalten.

"Tötungsdelikt kein Thema für Stellungnahme einer Gewerkschaft"

Nachdem eine Studentin in Freiburg vergewaltigt und umgebracht wurde, sagte Wendt der „Bild“-Zeitung: „Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung immer verbunden sind. Und während Angehörige trauern und Opfer unsägliches Leid erfahren, schweigen die Vertreter der ,Willkommenskultur‘.“ Ein 17-jähriger Flüchtling steht in dem Fall unter Tatverdacht.

Stefan Rüppel

„Ein Tötungsdelikt ist kein Thema, zu dem eine Gewerkschaft Stellung zu nehmen hat“, sagt Stefan Rüppel, Vorsitzender der GdP in Nordhessen. Wendts Auftreten in den Medien verblüffe auch die GdP. „Er stellt sich gern so dar, als ob er für die ganze Polizei spricht.“ Schon wiederholt sei es vorgekommen, dass er von Bürgern an Infoständen der GdP für die Aussagen „seines Gewerkschaftsvorsitzenden Wendt “ kritisiert worden sei, sagt Rüppel. „Die Menschen unterscheiden nicht zwischen den verschiedenen Polizeigewerkschaften.“ Zudem meldeten sich auch Kollegen bei ihm, die sauer über Sprüche von Wendt seien, sagt Rüppel.

Auch Anerkennung bei vielen

Sein Kollege Achim Scholz, Vorsitzender des DPolG Kreisverbands Kassel, sieht das anders. Vielen Beamten, auch Mitgliedern der GdP, würde gefallen, was Wendt in den Medien sage. Die Aussagen würden auf Anerkennung stoßen. Es sei natürlich nicht optimal für die GdP, dass Wendt solch eine Medienpräsenz habe, sagt Scholz.

Achim Scholz

Dass Wendt mit seinen markigen Sprüchen in Talkshows ein gern gesehener Gast ist, kann Rüppel nachvollziehen. „Die Medien wollen etwas haben, wo die Funken fliegen und wo es knistert.“

„Reiner Populismus“

Wendt haue Thesen raus, die sich im ersten Augenblick gut und richtig anhörten. „Wenn man darüber nachdenkt, merkt man, dass das reiner Populismus ist“, so Rüppel.

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