Podcast mit Vater und ein Buch

Leben mit Asperger-Autismus: Jason sieht die Welt anders als andere Kinder

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Will seinen Sohn nicht zu sehr in die Öffentlichkeit rücken: Mirco von Juterczenka und Sohn Jason bei einem Fototermin für ihr Buch „Wir Wochenendrebellen“.

Jason von Juterczenka ist kein gewöhnliches Kind – und das liegt nicht nur daran, dass er mit gerade mal zwölf Jahren an einem eigenen Projekt zur Chaostheorie forscht.

Als Kind würde sich der Kasseler auch gar nicht erst bezeichnen und mit ihnen möchte er auch nichts zu tun haben. Er mag sie nicht. Das liegt aber nicht daran, dass Jason etwa ein Arschloch wäre, sondern daran, dass er Asperger-Autist ist.

Der Podcast

Über den Alltag mit seiner Behinderung, vor allem aber über Themen wie Familie, Politik und Fußball, sprechen Jason und sein Vater Mirco (40) wöchentlich in ihrem Online-Podcast „Radiorebell“. Dafür wurden sie in diesem Jahr mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Kultur und Unterhaltung ausgezeichnet. Jeden Mittwoch erscheint eine neue Folge des „Radiorebells“. Nur einmal habe Jason die Datei erst kurz nach Mitternacht hochladen können. Seine Laune war daraufhin tagelang im Keller.

Die Anderen

Asperger-Autismus heißt in Jasons Fall, dass er sich über so ziemlich alles aufregen kann. Zum Beispiel, wenn jemand beim Sprechen Dativ und Akkusativ verwechselt oder jemand in seiner Nähe ein Wurstbrot isst. Jason ist überzeugter Vegetarier. Mit seinen Eigenheiten eckt Jason natürlich auch mal bei seinen Mitschülern an. Dass manche ihn seltsam finden, interessiert ihn aber nicht: „Ich bin nur einer, aber das sind 23 Leute und jeder von denen ist seltsam.“ Jason wiederum hält die meisten Menschen in seinem Alter für ignorant, weil sie sich nicht mit dem Klimawandel auseinandersetzen.

Die Regeln

Weil so viel Aufregung einiges an Kraft kostet, gibt es in Jasons Leben viele Regeln, die unter keinen Umständen gebrochen werden dürfen. Jason hat zum Beispiel seinen eigenen Platz im Schulbus – ganz vorne und direkt an der Heizung, aber mit genügend Frischluft, wenn sich die Türen öffnen. Damit er diesen Platz bekommt, stellt sich seine Mutter Fatime eine halbe Stunde bevor der Bus kommt mit Jason an die Haltestelle.

Der Fußball

Alle Podcastfolgen gibt es hier.

Jason und Mirco sind leidenschaftliche Groundhopper. Regelmäßig reisen sie zu Fußballspielen in Deutschland und ganz Europa. Das gemeinsame Hobby entstand aus der Idee, einen Lieblingsverein für Jason zu finden. Dafür, so Jasons Logik, müsse man sich aber erstmal alle Vereine angeschaut haben. Und zwar wirklich alle. Diese Suche ist auch nach sieben Jahren noch lange nicht abgeschlossen. Aber ein Lieblingsstadion hat Jason inzwischen gefunden. Doch nicht etwa das Dortmunder Westfalenstadion oder das Mailänder San Siro haben es ihm angetan, sondern das nur 4000 Zuschauer fassende „Gospin Dolac“ des kroatischen Zweitligisten NK Imotski. Der Grund: der Kratersee direkt nebenan.

Das Buch

Was als Suche nach dem Lieblingsverein für Jason begann, wurde zu einer Geschichte des Voneinanderlernens und Aneinanderwachsens, zu einer Vater-Sohn-Geschichte, die Mirco und Jason in dem kürzlich beim Benevento-Verlag erschienenen Buch „Wir Wochenendrebellen“ aufgeschrieben haben. Mit den Einnahmen unterstützen sie die „Neven Subotic Stiftung“, die sich für Kinder in armen Regionen einsetzt.

So sieht es aus: Das Buch "Wir Wochenendrebellen".

Die Chaostheorie

Die Chaostheorie beschäftigt sich mit der Frage, wie eng Ereignisse und Interaktionen in unserer Welt miteinander vernetzt sind und einander bedingen. Können vermeintlich unbedeutende Kleinigkeiten ganze Kontinente beeinflussen? Welche Konsequenzen bringt es mit sich, wenn man den Bus und dadurch ein Bewerbungsgespräch verpasst? Oder: Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings einen Tornado auslösen? Die Chaosforschung wird der angewandten Mathematik oder der mathematischen Physik zugeordnet. Jason widmet sich am Schülerforschungszentrum chaotischen Prozessen von Chaospendeln.

Wusstet ihr schon, dass...?

• ... mit dem Asperger-Syndrom (AS) zwar gelegentlich eine Hoch- oder Inselbegabung zusammenfällt, die Intelligenz der meisten Asperger-Autisten aber normal ausgeprägt ist? Das durch Filme wie „Rain Man“ und Serien wie „The Big Bang Theory“ geprägte Bild des Autisten als sozial inkompetentes Genie ist demnach nicht komplett falsch, aber sehr selten.

• ... Asperger-Autisten Schwierigkeiten haben, soziale Verhaltensweisen einzuordnen? Da sie Mimik, Gestik sowie Humor und Ironie in Sprache häufig nicht erkennen, kommt es häufig zu Missverständnissen im alltäglichen Dialog mit anderen. 

• ... AS angeboren und nicht heilbar ist und sich etwa vom vierten Lebensjahr an bemerkbar macht? 

• ... AS zwar als Behinderung eingestuft ist, aber für Betroffene auch eine Vielzahl an Stärken mit sich bringt? Häufig sind sie Anderen in den Bereichen der Wahrnehmung, der Selbstbeobachtung, der Aufmerksamkeit und der Gedächtnisleistung voraus.

Zu den Personen

Mirco von Juterczenka (40) ist in Solingen in Nordrhein-Westfalen geboren und kam mit neun Jahren nach Nordhessen. Mit seiner Frau Fatime hat er zwei Kinder: Jason (12) und Leona (6). Von Juterczenka arbeitet in der System-Gastronomie und managt mehrere „Pizza Hut“-Filialien in ganz Deutschland.

Jason von Juterczenka sammelt Scherben, liebt Fußball, kann verdammt derbe Fluchen, kennt die Entfernung zwischen unfassbar vielen Sternen, gibt ungerne jemandem die Hand, hasst Kinder, die nicht mit ihm verwandt sind, liebt Babys, fährt gerne stundenlang Zug und in stinkenden Aufzügen, isst gerne Sushi, verweigert aber Essen, wenn in seiner Nähe jemand ein Wurstbrot isst, ist zwölf Jahre alt und stolzer Asperger-Autist.

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