Porträt anhand der gestochenen Motive

Ein Leben in Tattoos: Was Tätowiererin Ronja Block auf der Haut trägt

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In der Achsel und den Kniekehlen tat es am meisten weh, sagt Ronja Block. Doch die Schmerzen lohnten sich, ergänzt die Tätowiererin aus Kassel, deren Berufsname Mini B. ist. Wir stellen sie anhand ihrer eigenen Hautbilder vor.

Ronja Block ist 28, hat eine vier Jahre alte Tochter und einen Freund, der auch Tätowierer ist. Sie wohnt und arbeitet in Kassel. Jenny B`s heißt der Tattooladen, in dem sie Menschen bunte Bilder in die Haut sticht, benannt nach ihrer Mutter, die ebenfalls Tätowiererin ist und der der Laden an der Friedrich-Ebert-Straße gehört - im Stadtteil Vorderer Westen. 

Seit 2004 ist Ronja Block Tätowiererin, seit 2006 lebt sie in Kassel. Deutschlandweit bekannt ist Ronja aus der Fernsehsendung "Cover up - Wir retten dein Tattoo", die mit mehreren Folgen auf Pro7 läuft. Darin hilft die Kasselerin Menschen mit Tattoo-Sünden, einen Tätowierer zu finden, der die hässlichen Motive übersticht, so dass vom alten Bild nichts mehr zu sehen ist.

Tattoos eines Lebens

Nun sitzen wir mit ihr in ihrem Studio. Nebenan treiben mehrere Tätowierer Kunden Nadeln unter die Haut, es sirrt vielstimmig. Ronja strahlt. Es ist ihr anzumerken, dass sie da nicht an ihrem Arbeitsplatz sitzt, sondern an einem Ort, der zum Mittelpunkt ihres Lebens gehört.

Ihr erstes Tattoo... bekam sie mit zwölf. Und zwar durch Erpressung, wie sie lachend erzählt. Nachdem nörgeln, jammern und nerven nichts brachten, sagte sie zu ihrer Mutter: "Wenn du mich nicht tätowierst, mache ich es selbst - im Kinderzimmer." Das überzeugte. Wenige Tage später stach ihr ihre Mutter eine kleine schwarz-weiße Kirschblüte über den rechten Knöchel. "Damit war ich die Coolste in der Schule", sagt sie grinsend. "Der Lehrer hat zuerst die Nase gerümpft, als er das Tattoo im Sportunterricht gesehen hat, aber der kannte meine Familie ja und wusste, dass wir eine coole Tattoo-Familie sind." Das war damals in Berlin, wo Ronja Block geboren wurde und aufwuchs. Das Stechen der Kirschblüte selbst war nicht so cool. "Das hat verdammt weh getan. Meiner Mutter war das so unangenehm, das war eine blöde Situation." Und trotzdem für Ronja Block der Grundstein für ein Leben rund um Tattoos.

Ihr wichtigstes Tattoo... ist der zittrige Schriftzug "Granny" über dem linken Knöchel, erstellt im Jahr 2006. "Das hat mir meine Oma gestochen." An der hat Ronja sehr gehangen. Vor zwei Jahren, 2014, starb sie. "Das Tattoo war eine spontane Idee. Ich war abends im Laden und habe mir gedacht, ein Tattoo, das mir meine Oma sticht, wäre was sehr Schönes. Also habe ich sie angerufen. Sie war sowieso gerade mit dem Hund draußen und sagte: 'Klar, ich komme vorbei'." Wenig später stand sie tatsächlich im Studio. Mit einem Kuli zeichnete ihre Großmutter den Schriftzug vor, dann drückte ihre Enkelin ihr die Tätowiermaschine in die Hand. Und die Großmutter zögerte nicht, "sie hat das völlig cool durchgezogen", sagt Ronja und lächelt. "Das war aber eine sehr schmerzhafte Erfahrung. Sie hatte noch nie tätowiert und legte sich voll ins Zeug." Das heißt: Die Oma drückte die Maschine fest auf. Nach dem G, dem r und dem a, die recht dick tätowiert sind, wird die Schrift etwas dünner. "Da habe ich sie dann etwas gebremst", sagt Ronja, schmunzelt und fährt sich mit der Hand über die zittrigen Linien.

Ihr einziges selbstgestochenes Tattoo... ist ein Blitz auf dem Zeigefinger der rechten Hand aus dem Jahr 2005. "Das werde ich nie wieder machen." Warum? "Sobald die Nadel in die Haut dringt und es weh tut, hat man den Reflex, aufzuhören. Man will sich selbst ja keine Schmerzen zufügen. So habe ich nicht mal eine Linie am Stück hinbekommen, weil ich immer wieder abgesetzt habe."

Das peinliche Tattoo... gibt es selbst bei einer deutschlandweit und aus dem Fernsehen bekannten Tätowiererin. Es ist eine Sushirolle samt Garnele auf dem linken Arm, gestochen vor neun Jahren. "Das war in einer Zeit, in der ich noch gerne Sushi mit Fisch gegessen habe. Heute bin ich Vegetarierin und esse gar kein Sushi."

Die schmerzhaftesten Tattoos... sind Blumen in beiden Kniekehlen und eine Spielekonsole mit Armen und Gesicht in der rechten Achselhöhle. "Die Blumen hat mir 2015 Sebastian Domaschke aus Berlin gestochen, der Tätowierer meines Vertrauens. Als der die erste Linie gezogen hat, hab` ich das kaum ausgehalten. Das war das Schmerzhafteste überhaupt." Trotzdem hielt Ronja Block durch. Drei Stunden pro Blume und Kniekehle. 

Wer sich schon mal hat tätowieren lassen, der weiß, dass der Schmerz des Stechens nach wenigen Tagen, oft schon nach wenigen Stunden vergessen ist und im Kopf bereits das nächste Tattoo entsteht. Das war bei Ronja eine Comicfigur: BMO, ausgesprochen: Beemo. Die Spielekonsole mit Gesicht, Armen und Beinen hat ihren Platz in Ronjas Achselhöhle gefunden. "Ach du scheiße, mir hat´s übelst weh getan. Das war einfach nur krass! Aber ich war happy." Und warum eine Spielekonsole? "Ich mag Adventure Time." Sie meint eine Zeichentrickserie aus den USA, in der die Konsole einer der Charaktere ist. Obwohl das Tätowieren ihre Profession, ihre Bestimmung ist, ist Ronja Block vor jedem neuen Bild, das sie selbst bekommt, immer noch aufgeregt. "Gerade bei Beemo war mir schon unwohl vorher", vor allem wegen der empfindlichen Körperstelle. "Aber es hilft mir, wenn ich mich schon einige Tage vorher mit dem Tattoo beschäftige, es immer wieder im Kopf durchgehe, das nimmt mir etwas Anspannung." Wieder lacht sie. Und wieder ist es schwierig, sich dabei vorzustellen, dass diese Frau überhaupt mal angespannt sein kann.

Das kleinste Tattoo... ist ein rotes Herz auf dem Ringfinger der linken Hand aus dem Jahr 2010. Das war auch das erste Tattoo, das ihr Freund Tim Eisenträger, der ebenfalls Tätowierer bei Jenny B`s ist, ihr gestochen hat. "Wenn wir mal Zeit füreinander haben, wollen wir sie nicht mit Tätowieren verbringen, deshalb ist das erste Tattoo von Tim auch so klein." Er war es auch, der später die Spielekonsole in Ronjas Achselhöhle stach. Die hat schon mehr Zeit in Anspruch genommen.

Apropos Zeit: Seit ihrem 16. Lebensjahr ist Ronja professionelle Tätowiererin. Ihre Mutter sei damals erleichtert gewesen, als Ronja nach einigem Überlegen endlich sagte, dass sie dieses Handwerk erlernen möchte. Einen Tag, nachdem die Entscheidung gefallen war, sollte sie im Laden stehen und beginnen. Und so kam es auch. Als Ronjas Freunde mitbekamen, dass sie Tattoos sticht, wollten viele unter ihre Nadel. Mit jedem Tattoo wurde sie besser. So ging es ihr auch mit dem Zeichnen. Einige Tricks ließ sie sich von erfahrenen Tätowierern, aber auch von Cartoonisten zeigen. Einige brachte sie sich selbst bei. "Ein guter Tätowierer muss zeichnen können."

Das Symbol-Tattoo. Eigentlich ist jedes 

Tattoo ein Symbol für irgendetwas. Doch in einem auf Ronjas Haut steckt besonders viel Symbolik. Es ist das Motiv auf ihrem rechten Schienbein, gestochen vor etwa zwei Jahren. Unten ist eine Vase zu erkennen und auf dieser Vase ein Handschlag. Er steht für Freundschaft. "Weil ich in meiner Kindheit und Jugend zwei große Umzüge mitgemacht habe, von Berlin nach Hamburg, von Hamburg nach Kassel, bin ich jedes Mal in ein komplett fremdes Umfeld gekommen. Deshalb ist mir Freundschaft sehr wichtig." Damit Freundschaft bestehen kann, muss sie gepflegt werden. Genauso wie Blumen in einer Vase. Deshalb stecken in ihrer tätowierten Vase tätowierte Blumen.

Das Gewinner-Tattoo... ist der Tiger mit Wrestlingmaske, gestochen vor etwa drei Jahren. "Er ist mein Gewinnertiger, weil er einfach siegessicher ist, er steht für Power und Kraft, die man als junge Frau braucht." Aber warum eine Wrestlingmaske? "Ich mag Wrestling." Und was hält sie von Tim Wiese, den ehemaligen Bundesliga-Torwart, als neuen Stern am Wrestlinghimmel? "Ich fand den früher ganz schlimm, so ein Spacko, wie der rumgeprollt hat. Aber jetzt, wo er in den Wrestlingring steigt, passt es, wenn er prollig ist. Das gehört zum Wrestling dazu. Er ist mir dadurch sympathischer geworden."

Das Sternzeichen-Tattoo... ist der Löwe auf ihrem linken Knie, gestochen vor etwa drei Jahren. Und das Hütchen, die Luftschlangen und das Konfetti machen ihn außerdem zum Partylöwen, der Ronja früher einmal war. "Ein Löwe bin ich nach wie vor, nur mit weniger Party", sagt sie und wirkt dabei keinesfalls traurig.

Das Nostalgie-Tattoo... zeigt ein Wesen namens Pummeluff, gestochen 2014. Es gehört zu den Pokémon-Figuren, die aus einer Serie von japanischen Videospielen aus den 90er-Jahren stammen. "Ich war ein großer Fan von Pokémon. Wenn ich mal in der Kiste liege, wird man anhand dieses Tattoos erkennen, dass ich ein Kind der 90er war." Der Charakter des Pummeluffs wird in der Welt der Pokémon unter anderem mit Charmebolzen beschrieben. Eine Eigenschaft, die der Duden mit den Stichworten Herzensdieb, Verführer und Charmeur zwar eher Männern zuordnet. Die aber in Bezug auf Ronja Block mit ihren großen Augen und den Wangengrübchen kein Schimpfwort darstellt.

Das mythische Tattoo... ist die Medusa auf Ronjas rechter Hand, gestochen im Jahr 2004. "Ich stehe auf Mythen und Sagen, schon früher." Passend dazu arbeitet die Tätowiererin gerade gedanklich an ihrem nächsten Tattoo, das eventuell ein Alien in Pharaonenkleidung zeigen wird. "Diese alten Mythen rund um Pyramiden und Inkas in Verbindung zu außerirdischem Leben interessieren mich sehr. Und ich glaube auch, das da etwas dran sein könnte."

Das märchenhafte Tattoo... zeigt auf Ronjas rechtem Oberarm Schneewittchen. "Sie ist mit ihren schwarzen Haaren, den roten Lippen und den großen Augen das Ur-Pin-up-Girl. Früher habe ich viel Rock`n`Roll und Psychobilly gehört und war ein großer Fan von dem Pin-up-Style."

Das überholte Tattoo... ist ein Schwarz-Weiß-Motiv auf Ronjas rechtem Unterarm, das eine Fliege mit Gasmaske zeigt. Es stammt aus Ronjas Gothik-Zeit, "in der waren ja Gasmasken groß in Mode". Heute aber passe es nicht mehr zu allen anderen Tattoos auf ihrem Körper, die sich insgesamt am Oldschool-Style orientieren. Der stammt aus den 1920er-Jahren und ist vor allem durch Motive in kräftigen Farben mit dicken Außenlinien geprägt. Deshalb überlegt Ronja Block, die Fliege samt Gasmaske mit einem anderen Motiv überstechen zu lassen. Also ein Cover-up. Und damit kennt sie sich aus, damit ist sie ja immer wieder im Fernsehen zu sehen.

Das Schmetterlings-Tattoo... unterhalb ihres Halses hat mehrere Bedeutungen. "Ich hatte einfach das Gefühl, dass er da hin muss. Zum einen, weil er für die Weiblichkeit steht und für die Transformation. Aber auch, weil meine Schilddrüse nicht mehr funktioniert. Ich habe Hashimoto, dabei wird die Schilddrüse zerstört. Und da die Schilddrüse ja bekanntlich das Schmetterlingsorgan ist - wegen ihrer Form - dachte ich mir: Passt!"

Video: Zu Besuch bei Ronja Block

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