Drei verlieren festen Job

Post-Filialpartner kritisieren finanzielle Kürzungen – Stellenabbau

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Postfiliale Bergshausen: Mitarbeiterin Yvonne Arndt, die hier einen Kunden bedient, wird ihre Fest-anstellung verlieren. Filialbetreiber Achim Böhm fehlt wegen der angekündigten Finanzkürzungen der Post künftig das Geld für feste Mitarbeiter. Foto: Koch

Kassel / Fuldabrück. „Gute Arbeit muss auch gut bezahlt werden“, findet Achim Böhm. Das galt auch für seine drei festangestellten Mitarbeiterinnen in der Postfiliale am Ostring 17 in Fuldabrück-Bergshausen. Von den beiden Teilzeitkräften und der Aushilfe muss er sich nun trennen.

„Die kann ich nicht mehr bezahlen“, sagt Böhm. Künftig sollen drei 450-Euro-Minijobber die nur noch 120 statt derzeit 180 Öffnungsstunden im Monat übernehmen. Der Grund: Böhm bekommt künftig deutlich weniger Geld von der Post. Darunter leiden dann nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Kunden: Manche Postfilialen in Stadt und Kreis Kassel müssen wegen Geldmangels ihre Öffnungszeiten verringern (den Hauptartikel lesen Sie hier).

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Finanzielle Kürzungen: Ärger um zu kurze Post-Öffnungszeiten

Seit zehn Jahren betreibt der Getränkehändler im Nachbarladen eine Postfiliale. Schon 2010 „hat die Post die Margen um zehn Prozent gekürzt“, erinnert sich der Kaufmann. Jetzt sind die nächsten Kürzungen angekündigt, es gehe um 40 Prozent, sagt Böhm. Wenn er unter diesen Bedingungen weiter bei seinen Öffnungszeiten von 180 Stunden monatlich bleiben würde, „müsste ich 7000 Euro im Jahr drauflegen“.

Bei der Post würden „die höchsten Erträge seit Bestehen des Unternehmens“ auf dem Rücken der Kleinen erwirtschaftet, macht Böhm seinem Ärger Luft: „Hauptsache, die Aktionäre sind zufrieden.“

78 Vertriebspunkte

In der Stadt Kassel gibt es derzeit 29 Postfilialen unterschiedlicher Größe. Darunter die drei ehemaligen Postämter an der Unteren Königsstraße, Friedrich-Ebert-Straße und Rolandstraße, die längst nicht mehr von der Post, sondern von der Postbank betrieben werden. Dazu gibt es 49 Verkaufspunkte, wo es zum Teil nur Briefmarken gibt, sowie Paketshops. Für die meisten dieser Vertriebspartner seien die Postdienstleistungen ein zweites finanzielles Standbein, erklärt Post-Pressesprecher Stefan Heß. Wenn das Zweitgeschäft zum Erstgeschäft werde, „funktioniert das aber nicht mehr.“

Die Post werde von vielen Geschäftsleuten als „Frequenzbringer“ geschätzt, bringe mehr und neue Kunden in den Laden oder an den Kiosk, sagt Heß. Kürzungen wie zum Beispiel bei der Pauschale für den Postfach-Betrieb seien nötig, wenn weniger Arbeit anfalle: „Wir haben jedes Jahr zwei bis drei Prozent Rückgang im Briefbereich.“ Jeder Filialpartner müsse dann in solchen Fällen für sich entscheiden, ob sich das Angebot der Post für ihn auch weiterhin noch rechne. Denn auch für die Post gelte, „dass nicht alles wirtschaftlich machbar ist, was wünschenswert wäre.“

Von Jörg Steinbach

„Geschäft rentiert sich nicht“

Post kürzt Provisionen der Postagenturen – Betreiberin schließt in Bettenhausen

Von Max Holscher

Die kürzeren Öffnungszeiten der Postagentur „Das Postlädchen“ sorgten zuletzt in der Ortsbeiratssitzung in Bettenhausen für Diskussionen. Auch, dass die Immobilie an der Leipziger Straße 187 angeblich verkauft werden sollte. „Das Haus wird nicht verkauft“, sagt Claudia Scholz, Betreiberin der Postfiliale und Mieterin. Richtig sei, dass die Hausbesitzerin einen neuen Mieter suche. Der Grund: „Ich schließe Ende August“, sagt Scholz. Die Post habe ihr Provisionen gekürzt. „So rentiert sich das Geschäft nicht mehr.“

Seit acht Jahren betreibt die 50-Jährige ihren Laden. Geöffnet war das Postlädchen zwischen 9 und 18 Uhr. Sie beschäftigte zwei Mitarbeiter auf 400-Euro-Basis. Jetzt öffnet Scholz nur noch für drei Stunden pro Tag. Damit komme sie den Kunden sogar noch entgegen. „Eigentlich müsste ich nur eine Stunde pro Tag geöffnet haben“, sagt sie. Das sei vertraglich so festgehalten. Im vergangenen Jahr habe die Post bei ihr und anderen Agenturen in Kassel Briefsendungen und Arbeitsaufwand überprüft. „Die Post meint, der Aufwand sei geringer geworden“, sagt Scholz.

Natürlich würden weniger Briefe verschickt, aber der Aufwand sei weiterhin hoch. Den neuen Vertrag der Post mit den gekürzten Provisionen für das Modul mit den Postfächern unterschrieb sie nicht. „Vorher habe ich 1500 Euro bekommen, jetzt sollten es 400 weniger sein“, sagt die 50-Jährige. Für sie stand fest: Ich mache nicht weiter. Das war im Oktober 2013. Im Februar dieses Jahres erhielt sie die Kündigung von der Post.

Seit Mai hat Scholz eine neue feste Arbeitsstelle und öffnet seitdem nur noch drei Stunden pro Tag. Ende August ist endgültig Schluss. Trotzdem müsse sich in Bettenhausen niemand Sorgen um die Versorgung machen. „Nur 500 Meter weiter wird ein Kiosk den Dienst übernehmen“, sagt Scholz. Eine Mitarbeiterin wollte ihren Laden eigentlich weiterführen. Doch die Post blockte. Der Kiosk einige Meter weiter bekam den Zuschlag. Mutmaßlich, weil er die geringeren Konditionen akzeptierte. „Ich glaube, dass es nicht mehr lange reine Agenturen wie meine geben wird“, sagt Scholz.

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