Vize-Bundesvorsitzenden von Ver.di

Interview: "Preiskampf in der Paketbranche läuft über Löhne"

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Harter Job: Die Auslieferungsfahrer von Paketdiensten wie GLS haben zum Teil 12-Stunden-Arbeitstage und verdienen häufig nur 1500 Euro brutto. 

Kassel. Die Branche der Paketdienstleister steht in der Kritik: Mehrfach berichtete auch die HNA über die schlechten Arbeitsbedingungen der Paketzusteller. Wir sprachen mit der  stellvertretenden Ver.di-Bundesvorsitzenden, Andrea Kocsis, über das Problem.

Sie war am Samstag zu Gast bei der Logistikkonferenz, die von der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di in Kassel veranstaltet wurde.

In der Paketbranche läuft vieles schief. Wo liegen die größten Probleme?

Andrea Kocsis: Die größten Probleme liegen darin, dass sich Paketdienste ihrer Verantwortung entledigen, indem sie ihre Zustellung in Outsourcing (Auslagerung an Subunternehmer) betreiben. Sie versuchen die Preise bei den Subunternehmern zu drücken, die diese niedrigen Preise in Form von Lohn-Dumping an ihre Beschäftigte weitergeben. Das ist das Geschäftsmodell in der Branche.

Gibt es denn nur schwarze Schafe in der Branche?

Kocsis: Am schlimmsten sind die Zustände bei Paketdiensten, die keine Tarifbindung haben wie GLS. Aber auch DPD gehört dazu, die zwar in der Tarifbindung sind, aber deren Tariflöhne nur den Mitarbeitern an den Umschlagsplätzen zu Gute kommen. Die Beschäftigten in der Auslieferung haben nichts davon, weil diese auch bei Subunternehmern beschäftigt sind. Bei Hermes ist es ähnlich.

Was sind die Ursachen für die Missstände?

Kocsis: Der Konkurrenzdruck ist so hoch, dass in dieser sehr personalintensiven Branche der Wettbewerb allein über die Personalkosten, sprich die Löhne, ausgetragen wird. In der Branche liegt der Personalkostenanteil bei 70 bis 80 Prozent.

Tragen Verbraucher eine Mitschuld, wenn sie ihre Waren von den günstigsten Anbietern transportieren lassen?

Kocsis: Zunächst einmal wird kein Verbraucher sagen, ich bitte darum, dass die Preise steigen. Ich denke aber, dass Verbraucher auch Paketdienste in Anspruch nehmen würden, wenn sie teurer wären als derzeit.

Welche Rolle spielt in dem Zusammenhang der Online-Versandhandel?

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Kocsis: Eine große. Der Versandhandel stellt inzwischen hohe Anforderung an Paketdienste. Pakete müssen am nächsten Tag ausgeliefert werden und jetzt wird bereits über Lieferungen diskutiert, die bereits am Tag der Bestellung eingehen. Dies alles bedeutet enorme Kosten für die Paketdienstleister. Weil diese nur begrenzte Möglichkeiten haben, an ihren Liefernetzen zu sparen, läuft es immer darauf hinaus, dass der Preisdruck zu Lasten der Fahrer geht.

Was muss passieren, um solche Entwicklungen zu stoppen?

Kocsis: Wir sind für einen einheitlichen, flächendeckenden, gesetzlichen Mindestlohn. Nur so wird die Abwärtsspirale beendet. Der Wettbewerb sollte zukünftig nicht über den Preis und damit die Lohnhöhen erfolgen, sondern über Qualitätsstandards.

Bestellen Sie im Online-Versandhandel?

Kocsis: Ich bestelle ganz viel im Online-Versandhandel. Ich habe aber ein gutes Gewissen, da ich auf die Anbieter achte, die mir zur Verfügung stehen. Ich lasse mir Pakete nur von tarifgebundenen Unternehmen liefern.

Zur Person

Andrea Kocsis (47) ist die stellvertretende Bundesvorsitzende der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Sie leitet zudem den Bundesfachbereich Postdienste, Speditionen und Logistik. Die Berlinerin ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Von Bastian Ludwig

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