Hoffnungen ruhen auf Sommer

Schwieriger Jahresstart für Textil- und Gartenbranche

Über 30 Prozent seiner Stiefmütterchen, immerhin rund 12 000 Stück, musste Gerhard Friedenreich (links) mit Gärtnerei an der Harleshäuser Straße, Anfang April wegwerfen. Wegen eisigen Wetters im März hatten die Pflanzen keine Käufer gefunden. Zusammen mit Sohn Peter setzt er nun auf Geranien und Petunien. Sie stehen in voller Blüte. Doch auch sie hätten eigentlich schon vor zwei Wochen verkauft sein müssen. Foto: Naumann

Kassel. Eiseskälte im März, Schmuddelwetter im April, Dauerregen im Mai: Nicht leicht hatte es der saisonabhängige Einzelhandel in Kassel und Umgebung in den vergangenen Wochen.

Vor allem Gärtnereien und Bekleidungsgeschäfte verzeichneten Umsatzeinbußen. Denn das, was angeboten wurde, passte oft nicht zum Wetter. „Existenzbedrohend war es nicht, aber es lief schon sehr schlecht“, sagt Jürgen Völmecke, Verkaufsleiter der Gärtnerei Meckelburg mit Filiale in Fuldabrück. „Im März blieben wir auf Primeln, Stiefmütterchen und Stauden sitzen, im Mai, eigentlich der umsatzstärkste Monat, waren Geranien, Margeriten und Fuchsien die Ladenhüter.“

Nur teilweise seien die Defizite bisher aufgefangen worden, „das habe ich in meiner 30-jährigen Berufslaufbahn noch nicht erlebt“, sagt Völmecke.

Gelitten haben vor allem die Produktionsgärtnereien. Gerhard Friedenreich mit Betrieb an der Harleshäuser Straße musste bereits über 30 Prozent seiner Stiefmütterchen wegwerfen. Andere Lieferbetriebe traf es härter. Falk Omonsky mit Gärtnerei an der Heiligenröder Straße spricht mit Blick auf seine Lieferanten von 80-Prozent-Ausfällen bei den Frühjahrspflanzen. „Zum Glück produzieren wir nicht mehr selbst“, sagt er.

Verluste sind unaufholbar

Um die Balkon- und Topfpflanzen wie Petunien, Geranien und Margeriten – typische Mai-Pflanzen – steht es noch nicht ganz so schlimm. Zumindest Gerhard Friedenreich ist es durch Pflege gelungen, die Pflanzen zwei Wochen länger als sonst in den Gewächshäusern zu halten. „Jetzt muss es aber mit dem Verkauf losgehen“, sagt er. Sonst wird er auch hier zehn bis 15 Prozent abschreiben müssen. Sein Fazit: „Entstandene Verluste werden wir kaum noch aufholen, lediglich abmildern.“

So schmerzhaft die Einschnitte auch sind, Martin Schüller, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes Hessen-Nord, beurteilt die Lage nicht pessimistisch. „Natürlich war das Frühjahr hart. Der Einzelhandel weiß jedoch mit solchen Durststrecken umzugehen.“

„Die Branche rechnet jederzeit mit solchen Schwankungen.“

Martin Schüller, Einzelhandelsverband

So habe es bis jetzt noch keine betriebsbedingten Kündigungen gegeben. Auch Insolvenzen seien noch nicht angemeldet worden. Schüller: „Die Branche rechnet jederzeit mit solchen Schwankungen“, sagt der Verbandsgeschäftsführer.

Ähnlich sieht das Alexa Evers vom Modehaus Heinsius & Sander an der Oberen Königsstraße. „Wir hatten extreme Schwankungen nach unten, aber auch nach oben“, sagt sie. Unter dem Strich gleiche sich alles aus. „Unsere Sortimente sind so ausgelegt, dass wir je nach Wetterlage flexibel und schnell reagieren können.“

Jürgen Hempel, Geschäftsführer von Loose Fashion (Opernstraße), ist nicht so optimistisch. „Mit knapp zehn Prozent Umsatzrückgang schwindet langsam die Rentabilität.“ Nur Rabattaktionen hätten den Verkauf am Laufen gehalten, einiges sei unter Einkaufspreis (etwa 50 Prozent des Endpreises) über die Theke gegangen. „Wir müssen verkaufen, weil wir ständig neue Ware ins Sortiment bekommen“, sagt Hempel. Dennoch will er nicht schwarzmalen. „Wir hoffen jetzt einfach auf den Sommer.“ Fotos: nh

Von Boris Naumann

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