838 Menschen waren 2010 völlig überschuldet

Privatinsolvenzen in Kassel nehmen zu - Ein Drittel ist berufstätig

Kassel. Die Wirtschaft brummt wieder, die Zahl der Arbeitslosen geht zurück. Doch das bedeutet nicht, dass Gewinn und Wohlstand auch bei Otto-Normal-Verbraucher ankommen. Im Gegenteil: Die Zahl der Privathaushalte, denen das Geld zum Leben fehlt, steigt.

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Allein im Bereich des Kasseler Amtsgerichts ist die Zahl der angemeldeten Privatinsolvenzen im vergangenen Jahr im Vergleich zum Vorjahr um 75 angestiegen: Waren es 2009 insgesamt 763 neu überschuldete Verbraucher in und um Kassel, so verzeichnete das Amtsgericht 2010 bereits 838 Privatinsolvenzen. 2004 waren es noch 404.

„Trotz Arbeit reicht bei vielen Menschen das Einkommen zur Tilgung ihrer Schulden nicht“, sagt Ingrid Steinbach, die Leiterin des Kasseler Wohnungsamts. Erschreckend sei: Über ein Drittel der Kasseler, die Privatinsolvenz anmelden, ist berufstätig. Viele Betroffene seien Alleinerziehende.

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Zurzeit verzeichne die städtische Schuldnerberatung 658 laufende Fälle. Davon knapp die Hälfte, 340, führten in ein Privatinsolvenzverfahren.

Eine Auswirkung zunehmender Geldknappheit sind säumige Verbraucher. Die Gemeinnützige Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Kassel (GWG), mit über 8800 Wohnungen größter Anbieter von Wohnraum in Kassel, beschäftigt eine eigene eine Abteilung, die sich mit Mietschulden beschäftigt.

„Die Anzahl der säumigen Kunden ist in dem letzten halben Jahr leicht gestiegen“, sagt GWG-Geschäftsführer Peter Ley. Dies treffe auch auf Kunden mit Privatinsolvenzen zu. „Aktuell haben uns 60 von 8800 Kunden über ihre Privatinsolvenz informiert. Das sind 0,68 Prozent.“

Grundsätzlich hätten Privatinsolvenzen aber keinen Einfluss auf den Fortbestand des Mietverhältnisses. „Im Rahmen unserer Mietschuldnerberatung finden wir in nahezu allen Fällen Möglichkeiten, das Mietverhältnis zu erhalten. In den letzten drei Jahren, ist uns dies bei lediglich zwei Mietverhältnissen nicht gelungen.“ Die Zunahme der Privatinsolvenzen habe keinen Einfluss auf die Entwicklung der Mietrückstände. Mit 0,39 Prozent sei die Rückstandsquote als „gering“ anzusehen.

Auch die Städtischen Werke beschäftigen sich mit schlechten Zahlern. „20 Prozent unserer Kunden haben hin und wieder ein Zahlungsproblem.“, sagt Werke-Sprecher Ingo Pijanka. Es würden 50 Privatinsolvenzen im Monat bekannt.

Die Städtischen Werke verschicken pro Jahr 110.000 Mahnungen. Mit der zweiten Mahnung wird der Sperrauftrag angedroht.

Das geschehe bei 15.000 säumigen Zahlern im Jahr, sagt Pijanka. Viele würden dann innerhalb von drei Tagen ihre Schulden bei den Städtischen Werken begleichen. Bei 2000 Kunden im Jahr müsste jedoch die Energielieferung abgestellt werden.

Die Zahlen seien seit Jahren weitgehend konstant. „Damit liegt Kassel weit über dem Bundesschnitt“, sagt Pijanka. Er führt diese Situation auf eine insgesamt schwache Sozialstruktur mit vielen Hartz IV-Haushalten zurück. Pijanka betont, dass es für Menschen, die ihre Rechnung nicht bezahlen können - beispielsweise bei hohen Nachzahlungen - oft Lösungen wie Stundungen gebe. „Man sollte uns rechtzeitig kontaktieren, anstatt nicht zu zahlen.“

Von Christina Hein

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