Mieterbund Kassel weist Kritik von Vermietern und Juristen zurück

Pro Rechtsberatung gibt es neun Euro

Günstiger Wohnraum ist in Kassel rar: Unser Foto zeigt eine Luftaufnahme von Mehrfamilienhäusern an der Brückenhofstraße im Stadtteil Oberzwehren. Archivfoto: Herzog / Flugschule Kassel Uwe Knabe
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In der Brückenhofsiedlung in Oberzwehren leben viele Menschen zur Miete. Rechtsberatung bietet der Kasseler Mieterbund an.

Der Artikel über einen Vermieter aus dem Landkreis Kassel, der dem Mieterbund Kassel vorgeworfen hat, es auf gerichtliche Auseinandersetzungen anzulegen, hat unterschiedliche Reaktionen hervorgerufen. Der Mieterbund weist die Vorwürfe ausdrücklich zurück. Weitere Vermieter haben sich aber bei der HNA gemeldet, die ähnliche Erfahrungen wie der Vermieter aus dem Landkreis gemacht haben.

Kassel - Als „falsch und interessengeleitet“ bezeichnet Harald Kühlborn, der Vorsitzende des Mieterbundes Nordhessen, die von einem Kasseler Anwalt geäußerte Kritik an der Arbeit der Rechtsberater. Die Beratung des Mieterbundes diene nicht dazu, Mandate für Gerichtsverfahren für die Rechtsberater zu gewinnen, so Kühlborn. „Fakt ist, dass wir rund 12 000 Beratungen im Jahr durchführen und weniger als zwei Prozent unserer Beratungsfälle vor Gericht landen.“ Die primäre Zielsetzung der Rechtsberatung durch den Mieterbund sei es, eine Rechtsstreitigkeit außergerichtlich und einvernehmlich beizulegen, so der Mieterbunds-Vorsitzende. In der ganz überwiegenden Anzahl der Beratungsfälle gelinge dies auch: „Für eine Einigung bedarf es aber immer beider Streitparteien.“

In manchen Konstellationen sei eine Einigung daher nicht möglich, es komme zu einem Rechtsstreit. Darüber hinaus könnten die Mitglieder im Falle eines Rechtsstreits selbst entscheiden, ob sie einen Rechtsberater des Mieterbundes oder einen anderen Rechtsbeistand beauftragen möchten. Auch Spekulationen über die Vergütungshöhe der Rechtsberater und deren vermeintlichen Einfluss auf die Qualität der Beratungsleistungen seien „vollkommen haltlos“. Die Höhe der Beratungsvergütung und die Länge eines Beratungsgespräches stünden in keinem Zusammenhang, so Kühlborn.

Auf Anfrage der HNA erklärt er, dass ein Rechtsberater pro Beratungsgespräch, das etwa 15 Minuten dauere, neun Euro bekomme. Vier Beratungsgespräche in einer Stunde seien beim Mieterbund üblich, sodass die Rechtsberater auf einen Stundenlohn von 36 Euro kämen. Kühlborn räumt ein, dass das nicht gerade viel ist. „Das müssen Leute sein, die das gern machen.“ Das Gespräch stelle aber nur einen Teil der Beratung insgesamt dar und werde durch die Bearbeitung des Schriftverkehrs komplettiert. „Die Qualität unserer Beratungen ist sehr gut“, so Kühlborn.

Heinz-Jürgen Walloner aus Lindlar bei Köln, der im Kasseler Stadtteil Kirchditmold das Haus seiner 92-jährigen Mutter verwaltet, die sich im Pflegeheim befindet, sieht das ganz anders.

Seit über 30 Jahren wohne eine mittlerweile 92-jährige Mieterin in dem Haus. Es habe mit ihr immer ein freundschaftliches Verhältnis bestanden, was sich auch in der Miete (5,40 Euro pro Quadratmeter) zeige. Nach dem Tod des Ehemannes der Frau habe allerdings die Tochter mithilfe des Mieterbundes die Geschicke übernommen, so Walloner. Jetzt bekomme er die „volle Aggression dieses Vereins“ mit.

Im Sommer sei eine Mietkürzung wegen ausgeschalteter Heizung erfolgt. Über drei Monate wurde die Miete wegen Nichtbenutzbarkeit des Gartens wegen herabgefallener Äste gekürzt, der Garten von der Mieterin aber weiterhin benutzt. Bei Kleinreparaturen werde auf den Mietvertrag von 1989 verwiesen und nur Rechnungen in D-Mark akzeptiert, so Walloner. Dann habe es Streit um die Biotonne gegeben, die mit einem Gummiband gesichert ist, um sie vor Waschbären zu schützen. Der Mieterbund behauptete daraufhin in einem Brief, dass es auf dem Grundstück in Kirchditmold keine Waschbären gebe.

Geradezu entsetzt sei er über einen Brief gewesen, in dem gefordert wurde, dass der Enkelin der anderen Mieterin in dem Haus verboten werden sollte, Blumen im Garten zum Muttertag ihrer Oma zu pflücken. Und immer wieder drohe der Mieterbund in den Schreiben mit gerichtlichen Auseinandersetzungen, so Walloner. Eine Vertretung der Mieter sei sicherlich wichtig, aber „zwei Witwen im 93. Lebensjahr gerichtlich aufeinanderzuhetzen, entspricht nicht meiner Vorstellung einer guten Mitgliedervertretung“. (use)

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