Prof. Marcel A. Verhoff hielt Vortrag im Polizeipräsidium

Rechtsmedizin in Krimis: „Nicht jeder ist als Leiche geeignet“

Wie realistisch wird die Rechtsmedizin im Krimi dargestellt? Darüber sprach Marcel A. Verhoff im Polizeipräsidium Nordhessen. Das Foto entstand im Kühlraum des Institutes für Rechtsmedizin der Uni Frankfurt.
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Wie realistisch wird die Rechtsmedizin im Krimi dargestellt? Darüber sprach Marcel A. Verhoff im Polizeipräsidium Nordhessen. Das Foto entstand im Kühlraum des Institutes für Rechtsmedizin der Uni Frankfurt.

Der renommierte Rechtsmediziner Prof. Marcel A. Verhoff hielt im Polizeipräsidium Nordhessen einen Vortrag über Rechtsmedizin(er) in Krimis.

Dass Rechtsmedizin mittlerweile sehr populär ist, ist sicher auch dem „Tatort“ aus Münster mit Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne (gespielt von Jan Josef Liefers) zu verdanken. Aber wie realistisch sind die Darstellungen der Rechtsmediziner und ihrer Arbeit in einem Krimi? 

Darüber gab am Mittwochabend ein renommierter Rechtsmediziner im Polizeipräsidium Nordhessen Auskunft. Auf Einladung des Vereins „Bürger und Polizei“ hielt Prof. Dr. Marcel A. Verhoff, Direktor des Rechtsmedizinischen Instituts der Uni Frankfurt, einen Vortrag unter dem Motto „Rechtsmedizin: Zwischen Krimi und Realität.“ Was der Laie bei den spannenden, unterhaltsamen und kurzweiligen Ausführungen erfahren konnte, fassen wir hier zusammen.

Warum ist die Rechtsmedizin heutzutage in den Medien so präsent?

Das liege nicht daran, dass Rechtsmediziner so gern in der Öffentlichkeit stehen würden, sondern die verstärkte Medienarbeit sei aus einer Not heraus geboren worden. Nachdem mehrere Institute in Deutschland um die Jahrtausendwende geschlossen worden waren, schlug die Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin 1998/1999 Alarm, so Verhoff. 

Man müsse mehr in die Öffentlichkeit gehen, damit die Menschen erfahren, was Rechtsmediziner leisten und wie wichtig diese Arbeit ist, für Aufklärung und Prävention. Seitdem spielt die Rechtsmedizin auch zunehmend eine Rolle in Krimis, wie zum Beispiel dem „Tatort“.

Verhoff berät seit 20 Jahren Krimiautoren, wie zum Beispiel Nele Neuhaus, Jan Seghers und Charly Weller. Sein Wissen ist auch bei TV-Krimis gefragt. „Die Beratung für Serien und Spielfilme ist mein Hobby.“ Mittlerweile werden alle rechtsmedizinischen Szenen für den Frankfurter Tatort, den „Taunuskrimi“ und „Ein Fall für Zwei“ im echten Sektionssaal der Frankfurter Rechtsmedizin gedreht.

Wie realistisch werden Rechtsmediziner im TV am Tatort dargestellt?

Im Krimi laufen Rechtsmediziner oft mit Privatkleidung herum, manchmal tragen sie noch einen Ganzkörperanzug. Die Realität sieht anders aus. „Wir sind völlig vermummt, tragen Mundschutz und Kapuze“, so Verhoff. Im Fernsehen werde darauf verzichtet, weil die Schauspieler auch zu erkennen sein müssten. 

Zudem knieten echte Rechtsmediziner auch nicht ständig neben der Leiche, wie im TV. „Das ist ein rein filmischer Effekt, um Schauspieler und Leiche gemeinsam in Szene zu setzen.“ An einem echten Tatort hielten sich auch nur zwei bis maximal drei Leute im Bereich der Leiche auf.

Wie realistisch sind die Leichen im TV-Krimi?

Für manche Szenen, wenn sich zum Beispiel jemand erhängt hat, werden Leichenpuppen eingesetzt. Die seien in der Herstellung aber sehr teuer. Verhoff hat die Erfahrung gemacht, dass Produzenten viele Anfragen von Leuten bekommen, die unbedingt mal eine Leiche spielen wollen. 

Er warnt aber: „Nicht jeder ist als Leiche geeignet.“ Man muss ganz flach atmen und still liegen können, der Puls am Hals darf nicht zu sehen sein. Damit den Schauspielern auf den Sektionstischen aus Edelstahl nicht zu kalt wird, werden in der Körperkontur ausgeschnittene Isomatten und Heizlüfter, die von unten in den Drehpausen wärmen, eingesetzt.

Was macht ein echter Rechtsmediziner zu allererst am Tatort?

Ein Rechtsmediziner muss als allererstes den Tod des Menschen feststellen. Sichere Todeszeichen sind die Starre, die Totenflecken und die Fäulnis am Leichnam.

Im Fernsehen wird der Todeszeitpunkt oft exakt bestimmt. Geht das wirklich?

„Das kriegen wir nicht hin“, sagt Verhoff. Mit der Temperaturmethode – dabei spielen das Gewicht der Leiche, die Rektaltemperatur und die Umgebungstemperatur eine wichtige Rolle – kann man den Todeszeitpunkt auf minus/plus 2,8 Stunden eingrenzen. Das zeitliche Intervall von knapp sechs Stunden kann möglicherweise durch Ermittlungen eingegrenzt werden.

Januar 2008: Marcel Verhoff untersuchte 126 Skelette, die in einer Baugrube der Uni Kassel an der Kurt-Wolters-Straße gefunden wurden. Es stellte sich heraus, dass es sich um napoleonischen Soldaten handelte, die an Nervenfieber gestorben waren.

Im Fernsehen werden die Leichen oft aufgedeckt, um sie von Angehörigen identifizieren zu lassen. Ist das realistisch?

Das passiere in Wirklichkeit auch, so Verhoff. Seit eineinhalb Jahren habe die Rechtsmedizin in Frankfurt auch solche Kühlfächer wie im Fernsehen, aus denen die Leichen herausgezogen werden. Vorher gab es in Frankfurt nur einen Kühlraum aus den 1930er-Jahren, in dem zahlreiche Leichen auf Wagen lagen. Wenn man eine Leiche zur Obduktion holen wollte, musste man erst die Wagen hin- und herschieben, „wie bei Tetris“. Das sei für die Mitarbeiter sehr belastend gewesen.

Ist die Darstellung der Obduktion im TV-Krimi realistisch?

In den meisten Filmen sehe der Zuschauer nur den zugenähten Y-Schnitt, mit dem der Oberkörper zuvor geöffnet worden war. Bei einer echten Obduktion werden alle drei Körperhöhlen (Schädelhöhle, Brusthöhle und Bauchhöhle) durch Schnitte geöffnet. Die Leichen werden später von Präparatoren zugenäht. „So manche Leiche hat die Rechtsmedizin besser verlassen, als sie bei uns reingekommen ist“, sagt Verhoff.

Wie realistisch werden Schussverletzungen im Krimi dargestellt?

Nicht besonders. Im Fernsehen sehe man immer nur Einschüsse, aber nie Ausschüsse, so Verhoff. Im Krimi würden auch so gut wie nie Abwehrverletzungen, wie zum Beispiel Schnittwunden an der Hand, thematisiert. Dabei können diese sehr wichtig sein, um eine Tat zu rekonstruieren beziehungsweise aufzuklären.

Im Krimi sind Giftmorde, die überwiegend von Frauen begangen werden, sehr beliebt.

„Giftmorde sind eine Seltenheit“, sagt Verhoff. Er geht allerdings davon aus, dass im Bereich der Giftmorde die Dunkelziffer höher ist als bei anderen Tötungsarten. Eine Studie der Rechtsmedizin Bonn über 15 Giftmorde zwischen 1946 bis 2005 kam zu dem Ergebnis, dass in acht Fällen Männer die Täter waren und in sieben Fällen Frauen. Da Männer aber öfter töten als Frauen, kann man schon zu dem Ergebnis kommen, dass Giftmorde– relativ gesehen – typisch weiblich sind. Die aufwendigen Geräte bei toxikologischen Analysen, die man zum Beispiel in den CSI-Serien sehe, hätten mit der Realität oft nichts zu tun. 

Um festzustellen, ob ein Mensch vergiftet worden ist, würden Rechtsmediziner auch heute noch zum Teil auf sehr einfache, aber hoch effektive Methoden zurückgreifen. So werde der Mageninhalt von Verstorbenen zusammen mit Fruchtfliegen in ein Gefäß eingeschlossen. Wenn die Fliegen sterben, sei etwas mit dem Mageninhalt nicht in Ordnung gewesen. Wenn sich die Fliegen hingen normal entwickeln, liege wohl keine Vergiftung vor.

Im TV sind oft Exhumierungen zu sehen. Passiert das in der Realität häufig?

Wenn es nach der Beerdigung Anhaltspunkte für einen nicht natürlichen Tod gibt, kann ein Gericht die Exhumierung anordnen. In Hessen passiere das 20 bis 30 Mal pro Jahr, so Verhoff. Viele Todesursachen, wie zum Beispiel ein Herzinfarkt, seien noch nach Jahren nachweisbar. Verhoff weist aber daraufhin, dass es im Fall jeder Exhumierung vorher Versäumnisse gegeben habe.

Hinzu komme, dass immer mehr Menschen verbrannt werden und in diesen Fällen eine Exhumierung nicht mehr möglich ist. Von daher sei es gut, dass in Hessen seit März 2019 die zweite Leichenschau, die vor einer Einäscherung zwingend erforderlich ist, von der Rechtsmedizin vorgenommen werden muss. „Es wird immer schwerer für die Täter.“

Zur Person: Marcel A. Verhoff

Marcel A. Verhoff (49) wurde in Gießen geboren und ist seit 2013 Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt am Main. Er studierte Humanmedizin an der Uni Gießen und absolvierte nach dem Studium 1998 Weiterbildungszeiten zum Facharzt für Rechtsmedizin. Von Anfang 2000 bis zum September 2013 war er am Institut für Rechtsmedizin der Universität Gießen beschäftigt und damit auch für Obduktionen in Kassel zuständig. In Kassel ist Verhoff auch bekannt, weil er die Skelette, die 2008 in einer Baugrube der Uni gefunden worden waren, untersuchte.

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