50 Jahre Uni Kassel: Peter Kaul spricht über seine Erlebnisse

Professor der ersten Stunde: Erster Hochschullehrer der GhK erzählt

Mit einem Anruf veränderte sich sein Leben: Peter Kaul wurde 1971 als erster Professor an die Gesamthochschule Kassel (GhK) berufen. Für unser
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Mit einem Anruf veränderte sich sein Leben: Peter Kaul wurde 1971 als erster Professor an die Gesamthochschule Kassel (GhK) berufen. Für unser

Zum 50. Jubiläum der Universität Kassel veröffentlichen wir Erinnerungen an die Anfangszeit der Hochschule. Viel zu erzählen hat Peter Kaul, der erste Professor der Hochschule.

Kassel – Im Frühjahr 1971 klingelte bei Peter Kaul in Kassel das Telefon. Der hessische Kultusminister Ludwig-Ferdinand von Friedeburg (SPD) wollte ihn sprechen. Damals war Kaul gerade 33 Jahre alt, hatte aber bereits eine Karriere hingelegt, die in Wiesbaden nicht unbemerkt geblieben war. So ereilte den Diplom-Psychologen und Sozialpädagogen, der zudem schon einige Jahre Erfahrung als kommissarischer Schulleiter hatte, unverhofft die erste Berufung zum Professor an die neu gegründete Gesamthochschule Kassel (GhK). Anlässlich des 50-Jubiläums der Uni Kassel erinnert sich Kaul an die Anfangstage.

Kaul ohne Schlips: Die waren bei Professoren nach 1968 verpönt.

Als Kaul beim Minister saß und dieser ihn bat, den Bereich Sozialpädagogik in Kassel zu übernehmen, war der Neubau für die GhK in Oberzwehren noch gar nicht gebaut. Aber schon wenige Wochen später war Kaul beim Richtfest für das Aufbau- und Verfügungszentrum (AVZ) – der Keimzelle der jungen Gesamthochschule, unter deren Dach die bereits existierende Ingenieurschule, drei Höhere Fachschulen und die Kunsthochschule kamen. Beim Richtfest zeigte Minister von Friedeburg in Richtung Dönche und sagte, dort würde später einmal die Hochschule ihren Hauptstandort haben. Er sollte sich irren.

Als 33-Jähriger habe er es zunächst schwer gehabt, von seinen Kollegen ernst genommen zu werden, erinnert sich Kaul, der 2003 nach 32 Jahren im Hochschuldienst emeritiert wurde. Ohnehin habe es eine Zweiklassengesellschaft an der noch jungen GhK gegeben. Auf der einen Seite die ehemaligen Lehrer, die oft weder habilitiert noch promoviert waren. Auf der anderen Seite die ordentlich berufenen Naturwissenschaftler. „Auch beim Gehalt und beim Stimmrecht in den Gremien spielte der Status eine Rolle.“

Er selbst hatte schnell raus, wie ihn etwa die Ingenieure nicht mehr von oben herab betrachteten. „Ich steckte mir einen Rechenschieber ins Jackett. Wer keinen Rechenschieber trug, der galt nichts“, erzählt Kaul. Weil er zum Glück neben Sport- auch Mathelehrer war, wurde er bei den Gesprächen nicht wie der Ahnungslose behandelt.

Die Keimzelle der Uni Kassel: Das Aufbau- und Verfügungszentrum (AVZ) in Oberzwehren kurz nach dem Bau.

Aber nicht nur das Gerangel unter einigen Kollegen – die eigentlich zum interdisziplinären Arbeiten angehalten waren – prägte die Anfangsjahre, sondern auch eine großer Enge. Denn im AVZ gab es zunächst nur einen kleinen Hörsaal. „Bei Vorlesungen saßen die Studierenden auf den Treppenstufen.“

Was nach einem Planungsfehler aussah, war politischer Wille. Mit den 68ern hatte die Arbeit in Kleingruppen Einzug in den jungen Hochschulen gehalten. „Es war verpönt, dass einer vorne stand und stundenlang referierte, während alle anderen brav zuhörten.“ Der Schlips sowie der Assistent, der Professoren früher die Dias bei Vorlesungen in den Projektor einlegte, waren der Studentenrevolte zum Opfer gefallen. Überhaupt gab es Begriffe, die auf der roten Liste gelandet waren. Die Institute hießen plötzlich Abteilungen. „Das Obrigkeitsmäßige sollte verschwinden. Wobei es auch noch einige Professoren gab, die sich selbst als Ordinarius bezeichneten“, sagt Kaul. An der GhK sei schon „Herr Professor“ ein Unding gewesen. Der lockere Umgang war auch in der Mensa zu beobachten, wo Skat gespielt wurde. Überhaupt sei die Belastung der Studierenden nicht vergleichbar gewesen mit dem heutigen Studium. „Der Druck fing mit dem Bachelor- und Master-Kram an“, sagt Kaul, dem die Verschulung des Studiums missfällt.

Zuletzt war Kaul Dekan der Sportwissenschaften. Nach seiner Emeritierung konnte Kaul noch jahrelang im AVZ Büros nutzen. Erst vor wenigen Tage hat der Pensionär seine Schlüssel nach 50 Jahren abgegeben. Inzwischen lebt der Kasseler die meiste Zeit des Jahres auf Sylt. (Bastian Ludwig)

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