Auszeichnung für Kasseler Programmkinos

"Star Wars würde nicht laufen": Bali-Chef über nachhaltige Kinos 

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Preisgekröntes Engagement für Kassels Kino-Kultur: Frank Thöner ist Geschäftsführer von Gloria, Filmladen und Bali.

Die drei zusammenhängenden Lichtspielhäuser Bali, Gloria und Filmladen sind mit dem mit 5000 Euro dotierten Preis für nachhaltiges Kino des Hessischen Ministeriums ausgezeichnet worden.

Wir haben Bali-Geschäftsführer Frank Thöner nach der Preisverleihung getroffen.

Herr Thöner, herzlichen Glückwunsch zur Auszeichnung, aber zum Verständnis: Was macht ein Kino nachhaltig?

Frank Thöner: Es geht nicht nur um Energiesparmaßnahmen, sondern auch darum, wie das Kino in das kulturelle Leben der Stadt eingebettet ist, wer die Kooperationspartner sind und wie das Programm gestaltet ist. Wir laden seit dem Start 1981 Regisseure für Diskussionsrunden zu ökologischen und sozialen Themen zu den Vorstellungen ein. Auch das spielt eine Rolle.

Auch das Angebot an Speisen und Getränken ist ein Faktor. Anders als große Kinoketten bieten Sie regionale und Bioprodukte an – und das zu vergleichsweise kleinem Preis. Das kann doch nicht wirtschaftlich sein.

Thöner: Sicherlich machen große Kinos einen höheren Umsatz mit Cola und Popcorn. Letzteres bieten wir hingegen im Bali und im Filmladen überhaupt nicht an. Getränke gibt es bei uns ausschließlich in Flaschen, Plastiktrinkhalme werden gerade aussortiert. Wir versuchen, den Hauptumsatz über die Kinokarte selbst zu erwirtschaften.

Das klingt gewagt.

Thöner: Wir kommen mit unserer Kalkulation klar. Wir versuchen ein qualitätsvolles Programm anzubieten, an dem möglichst viele Leute Interesse haben, und den Eintrittspreis trotzdem für jeden – egal ob Student oder Rentner – erschwinglich zu halten. Vielleicht geht der ein oder andere dadurch öfter ins Kino.

Ihre Kinos wurden für eine Studie der Uni Kassel auch auf den Energieverbrauch hin untersucht. Was kam dabei heraus?

Thöner: Wir haben in allen Foyers und in den Sälen zum Teil LED-Beleuchtung und insgesamt eine gute Ökobilanz. Aber es ist immer noch Luft nach oben, etwa durch eine bessere Steuerung der Lüftungsanlage oder durch noch stärkeren Bezug regionaler Getränke, um Transportwege zu verkürzen. Daran wollen wir arbeiten.

Apropos Transportwege, Sie wollen ein Elektrofahrzeug anschaffen?

Thöner: Wir haben einen Elektro-Pkw bestellt, den „e.GO Life“, eine Entwicklung der Uni Aachen. Damit werden Einkäufe erledigt und Werbematerial transportiert.

Stichwort Werbematerial: Sie haben bei der Jury auch dadurch gepunktet, dass Sie aus alten Filmbannern Taschen hergestellt haben.

Thöner: Genau, die sind inzwischen aber leider vergriffen. Die Baunataler Werkstätten, einer unserer Kooperationspartner, haben Tragetaschen aus Bannern des Dokumentarfilm- und Videofestes gefertigt.

Zurück zum Film: Was haben Sie derzeit in Sachen Nachhaltigkeit im Programm?

Thöner: Ende September widmen wir uns dem Filmerbe. Es wird eine Veranstaltung zum Thema „Stummfilm mit Livemusik“ geben. Da läuft unter anderem „Nosferatu“ von Murnau. Die Filme werden live mit dem Klavier und unter anderem auch vom Cantiamo Chor der Universität begleitet.

Inwiefern ist das nachhaltig?

Thöner: Indem wir Filmgeschichte präsentieren und mit einem lokalen Partner kooperieren.

Trotzdem zeigen Sie auch kommerzielle Filme wie den Oscar-Gewinner „Shape of Water“. Passt das zusammen: Hollywood und Umweltpolitik?

Thöner: Das eine schließt das andere nicht aus. Sicher bringen nur Dokumentarfilmen nicht genug Umsatz. Es ist immer eine Mischkalkulation und deshalb zeigen wir auch Oscar-Filme. Aber sie müssen in unser Programm passen. Star Wars würde bei uns nicht laufen und wahrscheinlich auch nicht zu unserem Publikum passen.

Dieser Tage müssen wir das fragen: Warum zeigen Sie in Ihren Kinos keine WM-Spiele? Nicht nachhaltig?

Thöner: (lacht) Wir haben ja 2006 im Gloria die WM gezeigt. Damals haben wir alle Sitze raus- und eine Theke reingebaut. Aber es war nur bei den deutschen Spielen was los. Dafür lohnt sich der Aufwand nicht.

Vielen großen Kinos geht es finanziell immer schlechter. Wie kann da ein Programmkino im Zeitalter von Netflix und Co bestehen?

Thöner: Laut Statistik haben wir 2017 und in diesem Jahr einen Besucherrückgang – das betrifft die „Großen“ wie die „Kleinen“. Aber wir haben keine Existenzängste. Wir versuchen, die Leute mit Qualität zu uns zu bringen, uns sowohl im Programm als auch im Ambiente abzugrenzen. Wichtig ist, dass das Kino sich öffnet, mehr zum Kulturort wird und nicht nur für Filmvorführungen, sondern auch für Lesungen und andere kulturelle Veranstaltungen genutzt wird.

Frank Thöner (58) ist Geschäftsführer der Bali-Kinos Gloria, Filmladen und Bali. Der Kasselaner war 1981 Mitbegründer des Filmladen-Vereins. Wenn er nicht gerade in einem seiner drei Programmkinos, im Theater oder auf Konzerten unterwegs ist, verbringt Thöner seine Zeit mit seiner Lebensgefährtin und der gemeinsamen Tochter gerne im heimischen Garten.

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