50 Jahre Freundeskreis: Selbsthilfeverein gründete bundesweit erste alkoholfreie Kneipe

Prost nur ohne Alkohol

Stoßen auf das Jubiläum an: Petra Weiß (stellvertretende Vorsitzende, Tochter des Mitbegründers Georg Koch), Rainer Ottersbach, Andreas Kaiser und Vorsitzender Klaus Limpert (von links) freuen sich im vereinseigenen Aqua Pub über das 50-jährige Bestehen der Selbsthilfegruppe „Freundeskreis Kassel“. Foto:  Rudolph

Kassel. Auf Alkohol zu verzichten, reicht zum Überleben, aber nicht zum Leben. Diese Erkenntnis führte 1964 zur Gründung der Selbsthilfegruppe für Suchtkranke „Freundeskreis Kassel“. Seitdem hat sie nicht an Bedeutung verloren. Seit 50 Jahren unterstützt der Verein Alkoholiker und andere Abhängige dabei, den Alltag ohne Suchtmittel zu bewältigen. Und seit 33 Jahren betreibt er das Aqua-Pub – seinerzeit Deutschlands erste alkoholfreie Kneipe.

Auch Rainer Ottersbach hat es mit Hilfe des Freundeskreises geschafft, dauerhaft vom Alkohol loszukommen. Seit knapp 30 Jahren ist der 69-Jährige aus Heiligenrode trocken. In seinen schlimmsten Zeiten leerte er eine Flasche Schnaps am Tag. Erst als er seinen Job verlor und die Ehe zu zerbrechen drohte, sei er „aufgewacht“, erzählt der Vater eines erwachsenen Sohns.

Schon nach der ersten Entgiftung schloss sich Ottersbach dem Freundeskreis an. „Da wollte ich den ganzen Besserwissern noch zeigen, dass man kontrolliert trinken kann“, sagt er und muss darüber schmunzeln. Ein Jahr später musste der Techniker und Metallbauer erneut zum Entzug - diesmal kriegte er die Kurve. Die Treffen in der Selbsthilfegruppe, die Ottersbach bis heute besucht, hätten ihm geholfen, sich seine Probleme einzugestehen und damit umzugehen. „Mir hat es gut getan, unter meinesgleichen über alles reden zu können“, sagt der 69-Jährige, „nicht mit Doktoren, die das Thema studiert haben, sondern mit Leuten, die es selbst durchgemacht haben.“

Die ehrenamtliche Arbeit in der Nachbetreuung sei für eine langfristige Abstinenz ebenso wichtig wie die Behandlung durch Hauptamtliche in den Kliniken, betont Vereinsvorsitzender Klaus Limpert: „Wir haben die Betroffenenkompetenz.“ In den Gruppen stünden die Teilnehmer einander mit Rat und Tat zur Seite.

Es gehe aber nicht nur um Alkohol. „Je länger man dabei ist, desto mehr tritt das als Gesprächsthema in den Hintergrund“, sagt Rainer Ottersbach. „Man tauscht sich über Alltagsprobleme aus, die mit dem Trinken nichts zu tun haben.“ Zumindest auf den ersten Blick nicht. Doch oft seien gerade diese Dinge „Stolpersteine, bei denen die Gefahr besteht, wieder zur Flasche zu greifen“, weiß Limpert, der selbst 25 Jahre getrunken hat.

Falle für Alkoholkranke

Auch ein Kneipenbesuch kann für Alkoholkranke zur Falle werden. Daher richtete der Freundeskreis 1981 das Aqua Pub ein - erst am Ständeplatz, heute im vereinseigenen Fachwerkhaus an der Frankfurter Straße. Dort werden nur alkoholfreie Getränke ausgeschenkt. „Die Idee dahinter war, dass man auch ohne Alkohol lustig und gesellig sein kann“, sagt Petra Weiß, Tochter des inzwischen gestorbenen Vereinsgründers Georg Koch. Außerdem wollte man Betroffenen die Schwellenangst nehmen. Sich erstmal unverbindlich ins Aqua Pub zu setzen, fällt vielen leichter, als gleich zur Selbsthilfegruppe zu kommen.

Von Katja Rudolph

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