Protest gegen KVG: Behinderte wollen weiterhin Trams nutzen

Rollstuhlfahrer-Protest: Vor dem Rathaus äußerten Menschen aus Kassel und Umgebung ihre Kritik an der Mitnahmeverordnung von KVG und NVV. Fotos: Fischer

 „Wir wollen rein“, skandierten die Menschen, die sich gestern Mittag, am Europäischen Protesttag der behinderten Menschen, am Fuße der Rathaustreppe versammelt hatten.

Ihr lautstark geäußerter Unmut richtete sich in erster Linie gegen die neuen Mitnahmerichtlinien in Trams und Bussen von KVG und NVV. Danach dürfen die Fahrer aus Sicherheitsgründen nur noch einen Elektro-Rollstuhl oder Scooter pro Fahrzeug mit nehmen.

Diese Bestimmung hat unter den Rolli-Fahrern in und um Kassel große Kritik ausgelöst. Gestern lärmten sie auf Trillerpfeifen und forderten eine Rücknahme der Regelung. Rund 80 Elektro-Rollstuhl- und Scooter-Fahrer sowie andere Beeinträchtigte und Interessierte nutzten die Kundgebung, zu der der Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) und die Initiative „Nahverkehr für alle“ aufgerufen hatten, um zu protestieren. „Wir wollen Teilhabe, wir wollen rein in die Trams“, sagte Peter Rauhöft von fab: Für ihre Mobilität benötigten viele behinderte Menschen Platz in Bussen und Trams. „Der Platz ist da, aber wir kommen nicht rein“, brachte er die Problematik für Rolli-Fahrer auf den Punkt.

In den vergangenen Jahren sei für behinderte Menschen vieles verbessert worden, sagte Carola Hiedl von fab. Aber mit der neuen Mitnahmerichtline habe man einen Rückschritt bewirkt: „Die KVG wird noch viel Geld in die Hand nehmen müssen, um moderne Fahrzeuge anzuschaffen, die größere Stellplätze für mehrere Rollstühle und Kinderwagen bereithalten. Dafür sind alle Politiker in Kassel verantwortlich“, sagte sie. Zur Freiheit gehöre Bewegungsfreiheit.

Auch Werner Wiegand von Kassels Seniorenbeirat äußerte deutliche Kritik und forderte die Zurücknahme der KVG-Richtlinie: „Wir wollen nicht ausgeschlossen werden.“ Er wies darauf hin, dass die Verordnung lediglich ein unternehmensinternes Papier sei. „Das ist kein Gesetz und ein Grundgesetz schon gar nicht.“

Während der Kundgebung kamen auch Redner zu Wort, die eine faire Bezahlung forderten für Menschen, die in Behindertenwerkstätten arbeiten.

Am Ende der Veranstaltung machte fab-Vertreter Peter Rauhöft mit einem Rat noch einmal das ganze Dilemma deutlich: „Fahrt bitte nach und nach, teilt euch auf die Bahnen auf, einigt euch.“

Heidi Hamdad, die Sprecherin der KVG, erklärte nach der Kundgebung in einer Pressemitteilung: „In einem Gespräch mit dem Behindertenbeirat der Stadt Kassel und der KVG wurde vereinbart, einen neutralen Sachverständigen zu beauftragen, der die sichere Beförderung von Handrollstühlen, Elektrorollstühlen und E-Scootern in allen Straßenbahntypen der KVG sowie in den Regiotrams nochmals ausführlich prüfen wird.“

Ziel sei es, eine Lösung zu finden für die Mitnahme möglichst vieler Menschen, die auf Mobilitätshilfen angewiesen sind.

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