Trinkraum kommt bei Alkohol- und Drogenkranken gut an

+

Kassel. Sie sitzen unter Sonnenschirmen, löffeln Hühnersuppe und reden: Die Stimmung rund um den Container an der Gießbergstraße ist entspannt. Der provisorische Trinkraum, in dem sich Alkoholiker und Drogenkranke treffen können, ist seit wenigen Tagen geöffnet.

Das Angebot der Stadt kommt gut an. „Wir haben gedacht, die stellen einen einfachen Baucontainer auf“, sagt ein Drogenkranker. „Da hat keiner Bock drauf gehabt.“ Dass der Trinkraum auf dem von Bäumen bestandenen, ehemaligen Parkplatz ganz ansprechend sei, habe alle angenehm überrascht.

Lesen Sie auch:

- Möbliert, aber unbeliebt: Trinkraum sorgt weiter für Diskussionen - Hier werden die Kasseler per Video überwacht

 „Der Platz ist ganz gut gewählt“, sagt auch Andreas, der während des Studiums erstmals mit Drogen in Kontakt kam. Dem 48-Jährigen gefällt das Angebot. „Das ist mit eines der produktivsten Projekte, die die Stadt gestartet hat.“ Die Szene am Lutherplatz werde sich trotzdem nicht völlig auflösen, sagt ein anderer. „Die meisten sind noch da oben. Da kommt vier- bis fünfmal am Tag die Polizei.

Das ist mir viel zu stressig.“ Am frühen Samstagnachmittag sitzen 20 bis 30 Männer und Frauen an Tischen vor dem Container zusammen. Bärbel und Jarno Ackermann aus Fuldatal, die den Trinkraum im Auftrag der Stadt betreiben, schenken Kaffee und Suppe aus. Die Preise sind moderat: Kaffee kostet 30 Cent, Tee 10, ein Brötchen mit Wiener Würstchen gibt’s für 90 Cent. Alkohol wird nicht ausgeschenkt, ist in Maßen aber geduldet. Der Konsum von Schnaps und Drogen ist nicht erlaubt. „Es läuft ganz gut und ganz friedlich“, sagt Bärbel Ackermann. Zur Eröffnung am vergangenen Mittwoch seien 100 Menschen gekommen. „Es war richtig was los.“

Noch ist der Trinkraum nur Montag, Mittwoch, Freitag und Samstag von 13 bis 19 Uhr geöffnet. Später soll das Angebot ausgeweitet werden. Ein Team aus sechs festen und ehrenamtlichen Mitarbeitern wird laut Jarno Ackermann den Betrieb sicherstellen. „Es soll ein Zuhause werden für die ganze Szene“, sagt seine Ehefrau. Die Einrichtung ist spartanisch: Sofas, bunte Lichterkette, Topfpflanze, Fernseher, Stereo-Anlage, Tische und Stühle.

Der Container ist nur ein Provisorium, weil die Stadt im Frühjahr mit der Anmietung von Räumen gescheitert war. Nun wurde offenbar Ersatz gefunden. Dem Vernehmen nach wird der Trinkraum im Hansa-Haus an der Kurt-Schumacher-Straße eingerichtet. Eine Bestätigung dafür gibt es aber noch nicht. Viele sind froh, endlich eine Alternative zum Lutherplatz zu haben.

„Ich habe keine Lust gehabt, jeden Tag kontrolliert zu werden“, sagt Achim. Der 44-Jährige, der fast an seiner Sucht gestorben wäre und seit Jahren mit Ersatzdrogen behandelt wird, will im Trinkraum mit anpacken. „Ich will mich hier ein bisschen einbringen“, sagt er. „Weil ich dann eine kleine Aufgabe im Leben habe.“ Für den Trinkraum werden ein alter Laptop und Musikinstrumente gesucht. Spenden können während der Öffnungszeiten abgegeben werden. (els)

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.