Hauptgrund ist geänderter Abzug von Kirchensteuern

Austritte aus Kirchen in Kassel seit Jahresbeginn stark angestiegen

Die Reihen lichten sich: Die Kirchen verlieren an Mitgliedern. Hier ein Foto aus der Kasseler St.-Elisabeth-Kirche. Foto: Schachtschneider

Kassel. Die Austritte bei der evangelischen und der katholischen Kirche in Kassel sind seit Jahresbeginn stark angestiegen. In den ersten sieben Monaten haben im Vergleich zum Vorjahreszeitraum über 50 Prozent mehr Mitglieder den Kirchen den Rücken gekehrt.

Hauptgrund dafür ist aus Sicht der Kirchen ein sich zum 1. Januar 2015 änderndes Abzugsverfahren bei der Kirchensteuer auf Kapitalerträge. Viele Mitglieder hätten dieses neue Verfahren fälschlicherweise für eine weitere Kirchensteuer gehalten.

Von Januar bis Ende Juli 2014 haben 1729 Menschen beim Amtsgericht Kassel ihren Kirchenaustritt erklärt. Im Vorjahreszeitraum waren es 1124 Austritte. Der Bezirk des Gerichts beinhaltet neben der Stadt auch Teile des Landkreises Kassel. Das Gericht differenziert in seiner Statistik nicht nach Konfessionen.

Stadtdekan Jürgen Renner von der evangelischen Kirche Kassel nennt die aktuelle Situation „wirklich ärgerlich“. Viele Mitglieder hätten die Neuregelung des Einzugsverfahrens nicht richtig verstanden. Nachdem die Banken die Konfessionen ihrer Kunden abgefragt hätten, seien viele verunsichert gewesen. Dabei habe sich an der Kirchensteuer auf Kapitalerträge, also etwa Zinsen, nichts verändert. „Nur bislang mussten sie in der Steuererklärung angegeben werden und jetzt werden sie direkt von den Banken an die Finanzbehörden weitergeleitet“, sagt Renner.

Der Stadtdekan geht aber davon aus, dass die Menschen, die wegen der Steuer die Kirche verlassen, ohnehin nicht eng mit dieser verbunden waren. Weitere Ursache für den stetigen Mitgliederschwund sei der demografische Wandel. Habe der evangelische Stadtkirchenkreis 1960 noch 160 000 Mitglieder gehabt, seien es Anfang 2000 noch 90 000 gewesen und aktuell 79 000.

Das evangelische Landeskirchenamt in Kassel teilt auf HNA-Anfrage mit, dass den vermehrten Austritten durch Information der Gemeindemitglieder begegnet werden soll. Die überwiegende Zahl sei von der Umstellung des Verfahrens beim Steuerabzug wegen der Freibeträge (801 Euro für Ledige, 1602 Euro für Verheiratete) ohnehin nicht betroffen.

Martin Schöppe, stellvertretender Dechant der katholischen Kirche Kassel, setzt ebenfalls auf Transparenz. Schon bei der jüngsten Austrittswelle im Zusammenhang mit dem Finanzskandal um den ehemaligen Limburger Bischof Tebartz van Elst sowie den Missbrauchsfällen in der katholischen Kirche habe man das Gespräch mit den Ausgetretenen gesucht. „Wir haben versucht, mit jedem persönlich Kontakt aufzunehmen, um über die Gründe für den Austritt zu sprechen“, sagt Schöppe. Aktuell gibt es noch etwa 32 000 Katholiken in Kassel.

Von Bastian Ludwig

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