Kasseler soll Verlobte gewürgt haben – 22-Jährige zog Strafantrag zurück

Prozess im dritten Anlauf eingestellt

Kassel. „Nee“, sagte die Zeugin. Fahrtkosten habe sie keine gehabt - die Polizei habe sie ja zur Verhandlung gebracht. Anders war die junge Frau zuvor nicht ins Amtsgericht zu bewegen gewesen, vor dem sich ihr Partner verantworten musste. Bereits zwei Ladungen war sie nicht gefolgt, zwei Mal war ein Ordnungsgeld gegen sie verhängt worden.

Der 25-jährige Kasseler auf der Anklagebank soll die 22-Jährige im vorigen September vor der Arbeitsagentur so gewürgt haben, dass ihr schwarz vor Augen wurde und sie dachte, sie müsse sterben. Damals sollen die beiden verlobt gewesen sein.

„Verliebt, verlobt, verheiratet?“, erkundigte sich Richterin Ferchland nach dem aktuellen Verhältnis. „Verliebt, verlobt“, war die Antwort der Frau. Als Verlobte muss sie nicht aussagen - und tat es auch nicht. Sie seien „wieder zusammen“ und sie wisse nicht, was es zu sagen gebe. Den Strafantrag gegen den 25-Jährigen hatte sie ohnehin zurückgezogen.

Doch das hatte ihren Partner zunächst nicht vor Strafverfolgung bewahren können. Denn die Staatsanwaltschaft ging in ihrer Anklage von gefährlicher Körperverletzung aus - einem Delikt, das sie von Amts wegen verfolgen muss.

Seit dem 8. Januar aber, als der Prozess durch das Fernbleiben der Zeugin zum zweiten Mal geplatzt war, hatte sich die Aktenlage geändert. Das Gericht hatte ein rechtsmedizinisches Kurzgutachten eingeholt. Und das ließ offenbar zu, den Vorfall als einfache Körperverletzung einzustufen. Ein solches Delikt kann die Staatsanwaltschaft im öffentlichen Interesse verfolgen, auch wenn das Opfer keinen Strafantrag stellt - sie muss aber nicht.

Nach dem desinteressierten Auftritt der Zeugin erklärte Staatsanwalt Jan Uekermann, er sehe die Sache pragmatisch. Eine offensichtliche Hilfsbedürftigkeit dränge sich nicht auf. Sollten die beiden doch sehen, wie sie miteinander klarkommen und was sie mit sich machen lassen. Und die Sache mit der Verlobung scheine ihm zwar „an den Haaren herbeigezogen“ - aber beweisen lasse sich das nicht.

Beendet wurde der Prozess dann allerdings auf anderem Wege: Gegen den 25-Jährigen seien inzwischen vier weitere Verfahren wegen Körperverletzung anhängig, informierte der Staatsanwalt. Mit Blick auf diese Verfahren könne man das aktuelle einstellen. So kam es - und juristisch war die Sache damit im dritten Anlauf in kürzester Zeit erledigt. Ein Zeuge, der zum dritten Mal erschienen war, konnte beruhigt werden: „Sie müssen nicht wiederkommen.“

Von Katja Schmidt

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