33-Jähriger muss sich vor dem Landgericht Kassel verantworten

Prozess: Folterqualen für die Ex?

Kassel. Trüge der Angeklagte einen weißen Kittel und ein Stetoskop um den Hals, könnte man ihn glatt für einen Asssistenzarzt im Krankenhaus halten: gepflegtes Aussehen, geschliffene Sprache, selbstbewusstes Auftreten.

Tatsächlich hat der gebürtige Eritreer, der 1982 als Baby mit Mutter und Geschwistern nach Kassel kam, ein ellenlanges Vorstrafenregister von Diebstahl über schweren Raub, Nötigung und Drogenmissbrauch und steht seit Montag wegen gefährlicher Körperverletzung an seiner Ex-Partnerin vor dem Landgericht.

Die 1. Strafkammer unter Vorsitz von Richter Dreyer hatte einen schweren Stand, zum tatsächlichen Geschehen am 2. August 2012 vorzudringen, zudem Angeklagter und seine Ex-Freundin völlig unterschiedliche Schilderungen abgegeben hatten.

Laut Staatsanwalt Matthias Blosche war der heute 33-Jährige in die Wohnung seiner Ex eingedrungen, hatte die Frau mit einem Elektroschocker misshandelt, ihr mit Klebeband Hände und Beine gefesselt, ihr Haare abgeschnitten und ihr heißes Wasser über Hände und Arme gegossen. Außerdem habe er die Frau getreten und geschlagen und ihr Gesicht mit seinem Kot beschmiert. Anschließend hob er mit der EC-Karte der Frau 645 Euro ab und ging mit der gemeinsamen Tochter zum Einkaufsbummel ins dez.

Der Angeklagte bestritt wortgewandt alle Vorwürfe: „Das alles ist nicht wahr“, sagte er. Die Verletzungen habe sich seine Ex-Freundin selbst zugefügt. Er sei auf ihre Einladung nach Kassel gekommen. Insgesamt habe er ihr über 20.000 Euro Unterhalt für das gemeinsame Kind gezahlt, das abgehobene Geld sei eine Rückforderung gewesen.

Nach Aussage der Zeugin aber gab es weder eine Einladung noch habe er je „auch nur einen Cent“ gezahlt. Den Tathergang schilderte sie wie vom Staatsanwalt angeklagt.

Angesichts der langen Vorgeschichte ist es nicht leicht für das Gericht, Wahrheit und Dichtung bei beiden zu trennen. Der Angeklagte hatte bereits von 2006 bis 2008 in der JVA-Kassel gesessen, weil er seine Freundin geschlagen, getreten und ihr einen Arm gebrochen hatte. Auch damals hatte er sie offenbar zur Demütigung gezwungen, seinen Kot vom Boden aufzuwischen.

Die Frau wiederum hatte 2011 eine Geldstrafe von 1200 Euro wegen Falschaussage zahlen müssen. Sie hatte den Angeklagte bezichtigt, sie mit einem Besenstil geschlagen zu haben, was nicht stimmte. Damals habe sie sich Vorteile beim Sorgerecht für die gemeinsame Tochter sichern wollen, gab sie am Montag zu.

Offenbar gab es ein 17 Jahre währendes, von Eifersucht geprägtes Auf und Ab der Beziehung: Der Angeklagte trägt den Namen seiner Freundin als Tatoo auf dem Unterarm, sie den seinen auf einem 25 Zentimeter großem Tatoo über dem Gesäß.

 

Der Prozess wird am 19. Mai fortgesetzt.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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