Viele Schaffner müssen anreisen

Prozess gegen Schwarzfahrer: 120 Zeugen sagen aus

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Einsatz gegen Schwarzfahrer: Auch in den Straßenbahnen der KVG sind Kontrolleure unterwegs.

Kassel. Für Personalknappheit bei der Deutschen Bahn sorgen dieser Tage nicht nur Krankheiten und Unternehmenspolitik. Auch das Kasseler Amtsgericht trägt jetzt seinen Teil dazu bei. Denn das will in einem Prozess gegen einen notorischen Schwarzfahrer massenweise Zugbegleiter als Zeugen hören.

Insgesamt sind 120 Zeugen vorgesehen. Schon unter den 40 Menschen, die am Dienstag zum Auftakt geladen waren, bildeten die Schaffner die klare Mehrheit. Ihre Aussage wird gebraucht, um dem 43-jährigen Kasseler konkrete Schwarzfahrten nachzuweisen zu können.

Denn dass der Mann grundsätzlich zugibt, er sei immer wieder ohne Fahrschein Zug gefahren, reicht für eine Verurteilung nicht aus. Konkrete Fälle müssen belegbar sein. Aber wann er wohin gefahren sei, daran könne er sich nicht erinnern, sagt der Angeklagte. Betrunken schlafe man im Zug auch leicht ein.

Nach eigenen Angaben war der Kasseler bereits mit 26 Jahren Alkoholiker. Zum Gerichtstermin musste ihn gestern sein amtlicher Betreuer am Königsplatz auflesen. Telefonisch hatte ihm der Angeklagte versprochen, er werde erscheinen - er hatte aber auch angekündigt, er wolle noch „was trinken“. Das Ganze sorgte dafür, dass die Verhandlung erst mit gut einer Stunde Verspätung beginnen konnte. Mit entsprechender Wartezeit für Schaffner, die teils über Hunderte Kilometer angereist waren.

Endlich angekommen, wollte der Angeklagte seine dicke Sonnenbrille nicht ablegen. „Ich bin psychisch krank, das wissen Sie doch!“, war seine Erklärung dazu. Außerdem, so fügte er wiederholt hinzu: „Ich muss zum Augenarzt!“

Auf Fernreisen ertappt

129 Fahrten zwischen Juli 2011 und Februar 2012 listet die Anklage auf. „Das war die Zeit - da hatte ich gar keinen festen Wohnsitz“, berichtete der Kasseler. Allein an den Weihnachtsfeiertagen 2011 soll er die halbe Republik durchrollt haben und dabei sechs Mal ohne Ticket ertappt worden sein: In Zügen von Dortmund nach Dresden, Dresden nach Hamburg, Hamburg nach Hannover, Hannover nach Köln und so fort.

Die Schaffner hatten sich oft seinen Personalausweis zeigen lassen und die Sache dann elektronisch dokumentiert. An den schlaksigen Mann erinnern konnten sich aber nur wenige. Pro Jahr habe er es mit rund 500 Reisenden ohne Fahrschein zu tun, erzählte einer auf dem Gerichtsflur. Er habe extra mal eine Strichliste geführt.

Gut erinnern konnten sich gestern hingegen zwei Sanitäter aus Kassel: Der Angeklagte hatte einmal am Bahnhof Wilhelmshöhe das Handschuhfach ihres Rettungswagens durchwühlt.

Drei Diebstähle eingeräumt

Das gab der Angeklagte gestern zu. Ebenso drei kleinere Diebstähle. Ein Fall von Körperverletzung und Beleidigung im Zug wird ihm außerdem vorgeworfen. Das Amtsgericht will noch mehrere Tage verhandeln.

Von Katja Schmidt

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