Freispruch für Angeklagten, der seine Exfreundin schwer misshandelt haben sollte

Prozess in Kassel: War Folter nur inszeniert?

Kassel. Der 33-jährige Mann, der seine frühere Lebensgefährtin und Mutter seiner Tochter im August 2012 schwer misshandelt haben soll, ist vom Landgericht freigesprochen worden.

Das Gericht habe die vom Opfer geschilderten Taten nicht zweifelsfrei nachweisen können, erklärte Richter Dreyer. Daher sei für den Angeklagten zu entscheiden, der für die erlittene Untersuchungshaft zu entschädigen sei.

Auch Staatsanwältin Maren Herwig hatte in ihrem Plädoyer Freispruch gefordert und die eigene Anklage gründlich zerpflückt. „Die Zweifel an den Aussagen der Frau überwiegen“, sagte sie.

Möglicherweise habe das vorgebliche Opfer die Misshandlungen inszeniert, sich die Verletzungen selbst zugefügt. Herwig erinnerte an die Verurteilung der 29-Jährigen im Jahr 2011 zu einer Geldstrafe von 1200 Euro wegen Falschaussage. Damals hatte sie ihren Ex-Mann beschuldigt, sie mit einem Besenstiel geschlagen zu haben. Tatsächlich hatte sie sich die Schläge, die zu Prellungen und Hämatomen führten, selbst zugefügt.

Die Frau hatte behauptet, vom Angeklagten mit einem Elektroschocker an Bauch und Rücken malträtiert worden zu sein, tatsächlich fanden sich Spuren davon aber nur im Bauchbereich.

Angeblich sollte der Angeklagte sie mit Klebeband gefesselt und dann Arme und Beine mit kochendem Wasser übergossen haben. Es gab aber nur leichte Hautrötungen. Zudem sei die Frau erst vier Tage nach der Tat zu ihrem Arzt gegangen, eine Dokumentation der Verletzungen blieb daher sehr allgemein.

Ein Gutachter des Landeskriminalamtes Wiesbaden, der am Dienstag aussagte, hatte keine DNA-Spuren des Angeklagten am Klebeband gefunden, mit dem die Frau gefesselt wurde. Auch andere DNA-Spuren waren nicht eindeutig.

Auch dass der Angeklagte sie mit dem eigenen Kot beschmiert habe, sei nicht eindeutig, meinte Herwig. Die Fäkalien könnten auch aus dem verstopften Klo stammen, das der Mann nach eigenen Angaben aufgesucht hatte. Als „schwer nachvollziehbar“ bezeichnete die Staatsanwältin die Tatsache, dass die Frau mit der heute neunjährigen Tochter den Mann Monate nach der Tat mehrere Tage in Frankfurt besucht und auch bei ihm übernachtet hat. Dies hatte sie vor der Polizei und auch vor Gericht nur wiederstrebend eingeräumt.

Andererseits war der mehrfach vorbestrafte Mann, der 1982 als Baby aus Eritrea nach Kassel gekommen war, 2006 wegen Körperverletzung an seiner Freundin zu zwei Jahren Haft verurteilt worden.

Verteidiger Werner Momberg nannte auch mögliche Motive für die denkbare Selbstverletzung der Frau. Sie sei eifersüchtig auf die neue Freundin seines Mandanten gewesen und habe sich Vorteile im Sorgerechtsstreit um das gemeinsame Kind erhofft. Das Urteil ist rechtskräftig.

Von Thomas Stier

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