Landgericht setzt Vergewaltigungsprozess aus

Dolmetscherin scheitert: Prozess platzt wegen Redeflut

Kassel. „Es gibt keine Entschuldigung für eine Vergewaltigung“, verkündet der Angeklagte. „Für keinen Mann, der eine Frau vergewaltigt.“ Ihm sei eine derart verabscheuenswürdige Tat deshalb völlig fremd.

Mithin sei es „völlig falsch“, was ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft. Und was den 43-Jährigen am Mittwoch vor das Kasseler Landgericht geführt hat. Vor mehr als drei Jahren, im Juli 2010, soll er eine damals 19-Jährige in deren Wohnung in Rothenditmold mit Gewalt zu Sex gezwungen haben. Trotz ihrer „andauernden verbalen und körperlichen Gegenwehr“, wie es in der Anklage heißt. Und nachdem die junge Frau seine vorherigen Annäherungsversuche zurückgewiesen habe.

Vor Gericht kann das mutmaßliche Opfer diese Vorwürfe allerdings zunächst nicht wiederholen. Denn bereits nach gut zwei Stunden beschließt die Strafkammer, das Verfahren auszusetzen. Bis dahin hat nur der Angeklagte gesprochen - ausführlich, detailliert, mit großem Engagement in eigener Sache. Und so temperamentvoll, dass sich das mehr und mehr als Problem erweist. Der aus Nigeria stammende Mann spricht englisch, und obwohl das fast jeder im Saal versteht, muss alles noch einmal übersetzt werden: Offiziell zählt nur, was auf deutsch zu hören ist. Die Dolmetscherin aber verzweifelt schier an dem Mitteilungsdrang des 43-Jährigen. Lücken und Fehler beim Übersetzen häufen sich. Bis das Gericht die Notbremse zieht: „Wir entfernen uns von einem fairen Verfahren“, erklärt Vorsitzender Jürgen Dreyer.

Mit einem anderen Dolmetscher und vielleicht auch einer vorbereiteten schriftlichen Einlassung des Angeklagten soll die Verhandlung noch einmal von vorn begonnen werden. Einen Termin gibt es noch nicht. Schon jetzt aber ist klar geworden, dass sich Anklagevorwurf und Darstellung des Beschuldigten kaum stärker widersprechen könnten. „Was an dem Tag stattfand, war eine klassische Romanze“, sagt der 43-Jährige. Die Frau habe ihm Avancen gemacht, habe sich auf seinen Schoß gesetzt und ihm ein eigens für ihn geschriebenes Lied vorgesungen. „Das war großartig, weit jenseits meiner Erwartung.“ Nicht er habe sie bedrängt, sondern umgekehrt sie ihn. Nicht sie habe sexuelle Handlungen verweigert, sondern er. Und als er gehen wollte, habe sie ihn aufgehalten, mehrfach. (jft)

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