Kasseler Kioskbetreiber von Stammkunden mit Messer bedroht

Prozess um Raub geplatzt: Zeuge ist unauffindbar 

Kassel. Auch beim dritten Versuch blieb der Zeugenstuhl leer. Keine Spur von dem Betreiber eines Kiosks in Rothenditmold, der einen seiner Stammkunden vor Gericht gebracht hat – wegen eines etwas sonderbaren, angeblichen Raubüberfalls.

Der Mann, ein guter Bekannter, soll ihn im Streit um ein Bier mit einem Küchenmesser bedroht haben. Und mit dem Tod. Was der Angeklagte, ein 40-jähriger Elektroinstallateur, vehement bestreitet. Bislang war beim Prozess vor dem Kasseler Amtsgericht nur seine Version jenes Abends im Mai 2011, vor mehr als zwei Jahren also, zu hören gewesen. Und die geht kurz gefasst so: Alkohol ja, Streit ja – weil er kein Bier mehr ohne Vorkasse bekommen sollte. Aber seine beiden Messer, die er kurz vorm Eintreffen der Polizei in einem Papierkorb und seinen Socken zu verstecken versuchte, habe er nicht benutzt. „Ich habe keinen Grund, ihn zu bedrohen, er ist ein Freund von mir“, beteuerte der 40-Jährige.

Und diese Geschichte blieb auch am dritten Verhandlungstag unwidersprochen. Denn erneut war es der Polizei nicht gelungen, den Widersacher des Angeklagten aufzutreiben und ins Gericht zu bringen. Weder zu Hause noch in seinem Kiosk mit Internetcafé an der Wolfhager Straße habe man den Mann angetroffen, teilten die Beamten mit. Nur sein Auto hätten sie gesehen. Leer.

Weil der Zeuge beim Prozessauftakt im August nicht freiwillig erschienen war, hatte das Gericht seine polizeiliche Vorführung angeordnet. Nachdem das nun jedoch bereits zum zweiten Mal scheiterte, gab Richter Henning Leyhe erst einmal auf: „Dann strecken wir an dieser Stelle die Fahnen“, erklärte er und setzte das Verfahren aus, bis der Kioskbetreiber gefunden ist. Wann wieder verhandelt wird, ist unklar. Wohl erst im nächsten Jahr, sagte Leyhe.

Schwere räuberische Erpressung und Bedrohung legt die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten zur Last. Wegen seines „aggressiven Auftretens“ sei der Mann vom Kioskinhaber gefragt worden, was los sei. Darauf habe er ein Küchenmesser gezogen und geantwortet: „Du wirst sehen, was los ist. Ich werde dich heute töten.“ Kurz darauf soll der Angeklagte sein Gegenüber dann noch einmal mit dem Messer bedroht und Tabak, Zigarettenpapier und ein Bier verlangt haben.

Zeuge: „Alles vergessen“

Wie es wirklich war, wird sich ohne das mutmaßliche Opfer nicht klären lassen. Zwar gab es eigentlich noch einen weiteren Zeugen, einen Unbeteiligten. Doch der 23-Jährige, der bei der Polizei noch munter erzählt hatte, wie er das gezückte Messer gesehen hatte und durchs Fenster geflüchtet war, wollte sich vor Gericht an rein gar nichts mehr erinnern. „Alles vergessen, ehrlich“, sagte er. Schließlich sei „viel passiert“ seither. „Was denn?“, fragte Richter Leyhe neugierig nach. „Viele Tage sind vergangen.“

Von Joachim F. Tornau

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