Frau war empört, weil Angeklagter sich Geld leihen wollte

Prozess um Mord an Rentnerin Ursula B.: „Was bist Du für einer ?“

Er bedauere den Tod von Ursula B. zutiefst: Der 42-jährige Angeklagte las am Dienstag vor der sechsten Strafkammer seine Einlassung zu den Geschehnissen vor. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Der 42-jährige Angeklagte gab am Dienstag eine Einlassung zu dem Tod der Rentnerin Ursula B. vor dem Kasseler Landgericht ab. Die Frau war offenbar darüber empört, dass der 42-Jährige sich bei ihr Geld leihen wollte.

Gerichtsbesucher haben manchmal falsche Erwartungen. „Es ist heute so langweilig. Ich verstehe auch kaum etwas“, beschwert sich am Dienstagvormittag ein älterer Mann auf einem der Zuschauerstühle im Saal D 130 des Kasseler Landgerichts. Auch am dritten Verhandlungstag sind wieder viele Frauen und Männer im Sitzungssaal erschienen, um den Mordprozess gegen einen 42-jährigen Mann aus Kassel zu verfolgen.Er ist angeklagt, die 74-jährige Ursula B. aus Niederzwehren am Pfingstmontag 2016 getötet zu haben.

TV und Realität

Dass die Arbeit der sechsten Strafkammer nichts mit den Gerichtssendungen aus dem Fernsehen zu tun hat, in denen schrille Zeugen Aussagen machen und Richter zu flotten Urteilen kommen, bekommen am Dienstag einmal mehr auch die Zuschauer zu spüren.

Hier geht es nicht um die Unterhaltung des Publikums, sondern um die Wahrheitsfindung. Die Auffindesituation des Opfers durch die Feuerwehr – die Frau lag auf dem Bauch in ihrem Flur, der Kopf war auf einem Kissen – die Bildung der Leichenflecken und das Vorgehen des Kriminaldauerdienstes werden zunächst in Vernehmungen intensiv erörtert.

Die Einlassung

Dass der Angeklagte ankündigt, sich zu dem Geschehen zu äußern, gibt einigen gelangweilten Zuschauern dann doch Hoffnung. „Jetzt wird es spannend“, raunt ein Zuschauer.

Der 42-jährige Angeklagte, der die vergangenen 13 Monate bereits in Untersuchungshaft gesessen hat, liest seine Einlassung vom Papier ab. Er fängt damit an, dass er am liebsten den 16.  Mai 2016 aus seinem Leben streichen würde. Er könne nur sein tiefes Bedauern gegenüber dem Sohn von Ursula B. aussprechen, deshalb sei die Tat aber nicht entschuldbar, und die Frau kehre auch nicht zurück.

Nach den Worten der Einlassung übernimmt der Angeklagte zwar die Verantwortung für den Tod von Ursula B., allerdings hört sich das nicht wie ein Mordgeständnis an, sondern eher wie die Schilderung eines Unfalls, in dessen Folge der Mann einfach nur töricht gehandelt hat.

Die Schilderung der Tat

Als er an dem Pfingstmontag an dem Haus von Ursula B. in der Perlengasse vorbei gekommen sei und Licht gesehen habe, habe er sich spontan entschieden, bei der früheren Nachbarin seiner Eltern zu klingeln und nach einem Aushilfsjob zu fragen. Er sei damals arbeitslos und deshalb knapp bei Kasse gewesen.

Die Frau habe geöffnet, ihn in die Wohnung gebeten, ihm eine Fassbrause angeboten, und es habe sich „ein sehr nettes und angenehmes Gespräch“ entwickelt. Als sie nach dem Grund seines Besuchs gefragt habe, habe er die Wahrheit gesagt. Ursula B. habe verständnisvoll reagiert, aber gesagt, dass sie keine Arbeit für ihn habe.

Als er im Begriff gewesen sei, ihre Wohnung zu verlassen, habe er die Frau um ein privates Darlehen gebeten. Mit ihrer Reaktion „Was bist Du für einer?“ habe er nicht gerechnet. Ursula B. sei zu ihm an die Wohnungstür gekommen und habe versucht, ihn mit der Hand rauszuschieben. Diese Berührung habe er abwehren wollen. Dabei habe er sich offenbar zu heftig gedreht, sodass die Frau ins Straucheln gekommen sei. Als er ihren Sturz auffangen wollte, sei er mit dem Großteil seines Körpers auf die Frau gefallen. Die habe geschrien, er habe seine linke Hand auf ihren Hinterkopf gelegt und mit der rechten Hand ihren Mund zugehalten. Man könne doch über alles reden, habe er gesagt. Sie habe weitergeschrien.

Das Verhalten danach

Ursula B. habe auf dem Boden gelegen. Sie sei bewusstlos gewesen, schien aber zu atmen. Wenn er Hilfe gerufen hätte, so der Angeklagte, hätte er Frau B. vor dem Schlimmsten bewahren können. Das tat er aber nicht. Er verließ ihre Wohnung durch die Garage. „Meine Gefühlswelt fuhr Achterbahn.“ Bis zum Tag seiner Verhaftung am 29. Juni 2016 habe er die Tat quasi verdrängt. „Ich konnte nicht glauben, dass ich das gewesen sein soll.“

Der Prozess wird am Dienstag, 15. August, 9 Uhr, fortgesetzt.

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