Prozessbeobachter im Teehaus

NSU-Gerichtsverhandlung ist bei Kasseler Türken wichtiges Thema

Kamil Saygin

Kassel. „Wir sind neugierig und betroffen“, sagt Kamil Saygin, Vorsitzender des Ausländerbeirats der Stadt Kassel, über das Interesse am gestrigen Auftakt zum NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht (OLG) München.

„Die Anteilnahme der Kasseler Türken ist sehr groß, weil Halit Yozgat in dieser Stadt lebte“, sagt Saygin.

Vor dem Hintergrund, dass offenbar viele Akten vernichtet worden seien, drücke er dem Gericht, vor dem sich die mutmaßliche Terroristin Beate Zschäpe sowie vier Helfer verantworten müssen, die Daumen, dass es nach seinen Möglichkeiten ein gerechtes Urteil sprechen könne.

Das hofft auch Zeki Demir, Vorsitzender der Türkisch-Islamischen Gemeinde am Mattenberg. Der Prozess gegen die mutmaßlichen Terroristen des Nationalsozialistischen Untergrunds werde von den Gemeindemitgliedern sehr ernst genommen.

Viele Mitglieder seien sehr traurig gewesen, dass erst durch das Eingreifen des Bundesverfassungsgerichts ermöglicht wurde, dass auch türkische Pressevertreter aus dem Gerichtssaal berichten können. Ein Mitglied der Gemeinde, das aus Angst vor rechter Gewalt seinen Namen nicht nennen möchte, fügt hinzu: „Es ist nicht wichtig, zu wie vielen Jahren Haft die Täter verurteilt werden.“ Viel wichtiger sei es, dass es nicht zu neuen Gewalttaten komme, egal von welcher Seite.

Auch in türkischen Teehäusern in der Kasseler Nordstadt ist das Interesse am Prozess-Auftakt groß. „Viele von uns verfolgen die Berichterstattung in den türkischen Medien, um alle Zusammenhänge genau zu verstehen“, erklärt Eynel Sahin. Im Teehaus an der Jägerstraße diskutieren sie beim Kartenspielen über den NSU-Prozess.

„Es ist bei uns ein großes Thema. Wir verfolgen alles bis ins kleinste Detail“, sagt ein 65-jähriger Mann, der zur Sicherheit seinen Namen nicht nennen will, in einem anderen Teehaus.

Im Fernsehen läuft eine türkische Nachrichtensendung. Vor ihm auf dem Tisch liegt die europäische Ausgabe der Hürriyet. „Wir informieren uns aber auch über die deutschen Medien“, sagt der 65-Jährige. Der Ärger über die Platzvergabe für Pressevertreter im Vorfeld des Prozesses habe ihn sehr belastet. „Es ist ein Komödienstadel und kränkt uns sehr“, sagt er. (use/mko) Fotos: Koch/Kopp

Die ausführliche Berichterstattung über den Auftakt des NSU-Prozesses lesen Sie auf der Blickpunkt-Seite der gedruckten Dienstags-Ausgabe.

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