Ex-MEG-Chef freut sich auf Verhandlung

Prozess gegen Mehmet Göker vor dem Kasseler Landgericht startet 2018

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Das war einmal: Unser Archivfoto von 2009 zeigt den jungen Mehmet Göker auf der Dachterrasse seines Firmensitzes in Waldau.

Kassel. Der frühere Chef des Versicherungsvermittlers MEG, Mehmet Göker, soll sich vor dem Kasseler Landgericht verantworten. Die Vorwürfe und der Prozess-Beginn:

Dem 38-Jährigen wird der gewerbsmäßige Verrat von Geschäfts- und Betriebsgeheimnissen und ein Verstoß gegen das Bundesdatenschutzgesetz vorgeworfen. In einem weiteren Verfahren, das gleichzeitig verhandelt werden soll, wird Göker Betrug vorgeworfen. 

Der erste Verhandlungstag vor der 3. Strafkammer des Kasseler Landgerichts ist für den 8. März 2018 angesetzt. Es sind fünf Folgetermine vorgesehen. 

Dass der Prozess so spät stattfindet, hat einen Grund: Die deutsche Justiz bemüht sich um ein Auslieferungsverfahren für Göker, gegen den noch immer ein internationaler Haftbefehl existiert. Die Türkei hat kein Auslieferungsabkommen mit Deutschland. 

Der türkische Staatsbürger Mehmet Göker ist also vorerst vor dem Zugriff der deutschen Justiz in der Türkei sicher. „Die Bearbeitung solcher Rechtshilfeersuchen nimmt erfahrungsgemäß einen erheblichen Zeitraum in Anspruch“, sagt der Sprecher des Kasseler Landgerichts, Dr. Christian Springmann. 

Neben Göker ist ein weiterer Ex-MEG-Mitarbeiter angeklagt. Nach HNA-Informationen soll es sich um Vincent H. handeln, der die rechte Hand von Mehmet Göker war. 

Mehmet Göker ist wegen des Verrats von Geschäftsgeheimnissen angeklagt, weil er bei seiner Flucht in die Türkei vor acht Jahren laut Staatsanwaltschaft Daten von potenziellen Versicherungskunden hat mitgehen lassen. Diese Daten sollen Millionen Euro wert sein und gehörten in die MEG-Konkursmasse. 

Göker selbst sagte am Montagabend am Telefon, er freue sich auf den Prozess. Es werde endlich Zeit, dass die Sache final geklärt werde. Ob er auch nach Deutschland komme? Das müsse man seinen Anwalt fragen. Der war am Montagabend nicht zu erreichen.

Hintergrund: Rasanter Aufstieg und tiefer Fall

Göker heute

Mehmet Göker lebt im türkischen Kusadasi. Das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Izmir an der Westküste. Dort baute er eine Ferienanlage mit Swimmingpool. Die habe er, um den Zugriff von Gläubigern zu entgehen, an andere überschrieben, heißt es. Von der Türkei aus bietet Göker Verkaufsseminare in der Türkei und im Internet an.

Es soll ihm dem Vernehmen nach nicht besonders gut gehen. Aus der Türkei wird zudem berichtet, dass es bei ihm eine Pfändung gegeben haben soll.

Seine Gefolgsleute

Von seinen Gefolgsleuten von einst, die sich zum Teil das MEG-Zeichen auf den Arm tätowieren ließen, macht heute niemand mehr Schlagzeilen. Reich geworden ist wohl keiner. Etliche mussten private Insolvenz anmelden.

Das System

Die Firma MEG (aus seinen Anfangsbuchstaben Mehmet Ercan Göker) war weit entfernt von einem normalen Unternehmen. Sie glich einer Sekte, mit dem Guru Mehmet Göker an der Spitze.

Die wirtschaftliche Konstruktion der MEG basierte auf einem Schneeballsystem. Wenn die MEG Versicherungen (wie etwa Axa) einen Kunden vermittelte, dann gab es von dieser Versicherung Geld. Etwa bis zu zehn Monatsbeiträge des vermittelnden Kunden wurden an die MEG gezahlt.

Die Prämie war so konstruiert, als bliebe der Kunde zig Jahre bei der Versicherung. Kündigte er vorher, hätte die MEG Geld an die Versicherung anteilig zurückzahlen müssen. Das heißt, die MEG hätte eine Storno-Rücklage bilden müssen.

Ein konkretes Beispiel: Wenn die MEG 1000 Euro einnahm, hätte sie 300 oder 400 Euro zurücklegen müssen, weil erfahrungsgemäß die Stornorate bei 30 bis 40 Prozent lag. Das tat man aber nicht, sondern lebte in Luxus. Das funktionierte so lange, bis immer neue Verträge ins Haus kamen. Die Zahl der Neuverträge musste die Stornos übertreffen. Das war aber bald nicht mehr der Fall. Die Folge: Die MEG-Vertreter logen und betrogen. Es wurden zum Beispiel Verträge von Kunden eingereicht, die gar nicht existierten. Irgendwann platzte das natürlich alles.

Die Eskapaden

Mehmet Göker und seine Kollegen in der MEG-Führungsspitze fuhren Ferrari, geleast beim Kasseler Händler. Geparkt wurden die Luxuskarossen vornehmlich vor den Stammkneipen auf dem Bürgersteig.

Es gab teure Reisen in ferne Ziele, Göker wollte Präsident des KSV Hessen Kasel werden und am Auestadion einen Wolkenkratzer bauen – es sollte das höchste Haus Kassels werden. Göker ließ sich mit James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan fotografieren und mit Fußball-Star Ronaldo in Dubai ablichten. Auf MEG-Veranstaltungen sangen unter anderem Roberto Blanco und Jürgen Drews.

Die Razzia

Anfang September 2007 war Mehmet Göker in New York. Er guckte Tennis, die US Open. In Kassel war mehr los: Es gab im Gebäude der MEG im Industriegebiet Waldau und im Wohnhaus von Mehmet Göker eine Razzia. Es war eine der größten, die jemals in Hessen stattfanden. Rauschgifthunde waren im Einsatz, kistenweise wurde Material herausgeschleppt. Die MEG bekam einen Knacks, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte. Und Mehmet Göker auch nicht.

Anfang und Ende

2004 hatte Mehmet Göker allein angefangen. Büro in der Wolfhager Straße, 500 Euro Miete. Wenig später: 5000 Quadratmeter Bürofläche, 76 Beschäftigte, zehn Millionen Umsatz. 2008 rund 65 Millionen Umsatz, 2009 die Pleite. Nach der Razzia die Geldstrafe: Weil er Sozialbeiträge nicht abgeführt hatte, 720 000 Euro. 720 Tagessätze zu je 1000 Euro. Die höchste Geldstrafe, die unser Gesetz zulässt. Danach gibt es Gefängnis. Mehmet Göker war damit vorbestraft. Und vom Sockel gestürzt. Er ging in die Türkei. Nahm laut Staatsanwaltschaft unerlaubt wertvolle Daten mit. Und wird seitdem mit Haftbefehl gesucht.

Kommentar von Frank Thonicke: Mühlen mahlen

Manch einer meinte womöglich, Mehmet Göker habe doch alles richtig gemacht: Die Leute abgezockt und dann mit Millionen ab in den sonnigen Süden.

Zunächst einmal: Die Türkei ist groß, aber für Mehmet Göker auch ein großes Gefängnis. Wegen des internationalen Haftbefehls kann er nur in Länder wie Kuba oder Nordkorea reisen. Ins EU-Land Griechenland (dort gibt es seine geliebten Schweinsbratwürste), darf er schon nicht. Da würden die Handschellen klicken.

Zum anderen zeigt der Fall Göker, dass die Mühlen der deutschen Justiz zwar langsam, aber stetig mahlen. Nach Jahren ist jetzt der Prozess terminiert – fast hätte man damit nicht mehr gerechnet.

Allerdings: Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass Göker auch wirklich vor dem Kasseler Landgericht erscheint. Es wäre ein Wunder, wenn der türkische Staatspräsident Erdogan angesichts seiner Tiraden gegen Deutschland einen türkischen Staatsbürger ausliefert. Aber wer weiß: Vielleicht macht Mehmet Göker unfreiwillig auch noch große Politik.

Lesen Sie dazu auch:

- Mehmet Göker im Fragebogen bei  HNA Sieben

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