Kasseler pries farbige Kerzen und magische Schutzkreise an

Prozess: "Magier" soll mehr als 200.000 Euro ergaunert haben

Kassel. Ein angeblicher Magier aus Kassel soll von einer psychisch kranken Frau mehr als 200.000 Euro ergaunert haben. Jetzt muss sich der Mann vor Gericht verantworten.

Als selbsternannter Magier, Hellseher, Wahrsager und Dämonologe hatte sich der 66-jährige „selbstständige Lebensberater“ eine ganze Latte übersinnlicher Fähigkeiten zugeschrieben. Für den okkulten Blödsinn freilich ließ er sich in sehr realer Währung entlohnen: Insgesamt 205.000 Euro soll der 66-jährige Kasseler zwischen Juli 2008 und August 2009 bei insgesamt 28 Ritualen und Sitzungen einer Frau berechnet und in bar erhalten haben.

Etwas Dämonisches hatte der korpulente Mann auf der Anklagebank des Amtsgerichtes am Mittwoch allerdings kaum zu bieten: Mittellange weiße Haare, roter Pullover – zusammengepresste Lippen signalisierten angesichts des großen Medienauftriebs die innere Anspannung.

Vier tragische Todesfälle in der nahen Familie kurz hintereinander hätten eine heute 56-jährige Frau aus Kassel dazu gebracht, in einer psychischen Ausnahmesituation die Dienste des „Magiers“ in Anspruch zu nehmen, um weiteres Unglück abzuwenden, erklärte Staatsanwalt Thöne in der Anklage.

Das fehlende Urteilsvermögen der Frau habe der Angeklagte ausgenutzt um Summen zu kassieren, die ein auffälliges Missverhältnis zur erbrachten Leistung zeigten, was den Vorwurf des Wuchers begründe.

Farbige Kerzen, magische Schutzkreise, eine Statue des hinduistischen Gottes Shiva –angeblich extra aus Indien importiert – und seltsame Rituale an den Gräbern der Verstorbenen berechnete er mit bis zu 35.000 Euro.

Der Vorwurf der Erpressung komme hinzu, weil er der Frau den nahen Tod der an Diabetes erkrankten Tochter in Aussicht stellte, wenn er nicht schnell Gegenmaßnahmen einleite. Weil das Geld – es war das Erbe der Frau aus dem Verkauf des elterlichen Stahlhandels – aufgebraucht war, habe die Frau ein Baugrundstück verkauft und gleich 30.000 Euro in bar an den „Magier“ weitergereicht.

In zivilrechtlichen Verfahren vor dem Landgericht und dem Oberlandesgericht Kassel war der Mann bereits schuldig gesprochen und zur Rückzahlung der 205.000 Euro aufgefordert worden.

Im am Mittwoch begonnen Strafprozess verlas Verteidiger Markus Sittig auf 38 Seiten zehn Beweisanträge. Mit psychiatrischen Gutachten will er das fehlerhafte Erinnerungsvermögen der Geschädigten belegen.

Richter Klaus Döll kommentierte die Antragsflut der Verteidigung mit dem schlichten Satz: „Kontoauszüge lügen nicht.“ Gleichwohl setzte er acht weitere Verhandlungstage an und wies den Angeklagten auf das Risiko hin, die Aussage weiter zu verweigern: „Die angeklagten Taten könnten nur die Spitze des Eisbergs sein“, sagte Döll. Eine jetzt noch denkbare Bewährungsstrafe könnte unmöglich werden. Dann hieße es Haft.

Rubriklistenbild: © dpa

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