Prüfungscoaching steht auf der Kippe – Finanzierung läuft aus

Prüfungsängste: Hilfsangebot für Studenten der Uni Kassel fällt wohl Ende 2020 weg

Verzweiflung im Studium: Viele Studenten leiden unter Prüfungsangst und Lernblockaden. Das Prüfungscoaching bot den Betroffenen individuelle Hilfen.
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Verzweiflung im Studium: Viele Studenten leiden unter Prüfungsangst und Lernblockaden. Das Prüfungscoaching bot den Betroffenen individuelle Hilfen.

Antonia Schüssl hat auf dem Weg zur Grundschullehrerin so manches Tal durchschritten. In ihrem Studium an der Uni Kassel litt sie unter Lernblockaden, Prüfungsangst und „Aufschieberitis“, wie sie erzählt. Geholfen hat ihr das Lern- und Prüfungscoaching der Hochschule. Das Angebot von Dr. Timo Nolle besteht seit 2014. Ungefähr 100 Studierende haben das Training pro Semester in den vergangenen Jahren durchlaufen. Doch nun steht es vor dem Aus, denn die Finanzierung durch Land und Bund läuft Ende 2020 aus.

Kassel - „Es wäre sehr schade, wenn das Angebot eingestampft würde. Ohne das Prüfungs-coaching hätte ich nicht so erfolgreich studiert“, sagt Schüssl. Mit dieser Meinung ist sie nicht allein. Es läuft eine Online-Petition, an der sich knapp 200 Studierende und Lehrende beteiligt haben. Sie alle fordern den Erhalt des Projekts, das bislang aus dem Qualitätspakt Lehre finanziert wurde. Zwar gibt es auch die Psychosoziale Beratungsstelle, an die sich Studierende in Not wenden können, allerdings sei die Hemmschwelle für diesen Schritt höher – so der Tenor.

Auch aus der Professorenschaft gibt es Rückhalt für den systemischen Therapeuten und Berater Nolle. „Die Verringerung der Studienabbrecherquote ist das Ziel jeder Universität und hier in Kassel sind wir froh, Herrn Nolle zu haben, der mit seinem Prüfungscoaching bereits zahlreichen Studierenden erfolgreich zu einem Studienabschluss verholfen hat. Das großartige Feedback ehemaliger Studierender zu Herrn Nolles Arbeit und die hohe Nachfrage seines Coachings zeigen die Bedeutung und Notwendigkeit der Fortführung“, sagt etwa Prof. Rita Borromeo Ferri vom Institut für Mathematik.

Welchen Stellenwert das Kasseler Prüfungscoaching bundesweit hat, darauf verweist Psychologe Wilfried Schuhmann, Leiter des Psychologischen Beratungs-Services der Universität Oldenburg: „Es wäre eine Schande, wenn das Kasseler Coaching infrage gestellt wird. Die wissen ja gar nicht, was Kassel da für eine Perle hat.“ Schuhmann, der Vorsitzender des Ausschusses Beratung im Deutschen Studentenwerk ist, spricht von einer „hohen Qualität des Angebots.“ Er sei lange genug im Geschäft, um das beurteilen zu können. Prüfungsängste und Lernblockaden bei Studenten seien ein bundesweites Phänomen. Kassel sei Vorbild für andere Hochschulen. An der Ludwig-Maximilians-Universität in München wurde etwa ein Coaching nach Kasseler Konzept aufgebaut. „Die Universitäten haben eine Fürsorgepflicht“, so Schuhmann.

Um das Kasseler Prüfungs-coaching erhalten zu können, müsste die Universität die Anschlussfinanzierung sicherstellen. Es geht um etwa 35 000 Euro im Jahr. Am Mittwoch, 4. November, will der Senat über die Sache beraten.

Die Uni teilte auf HNA-Anfrage mit: „Die Universität wird weiterhin Beratungsangebote bieten, die die Studierenden im Hinblick auf das erfolgreiche Absolvieren von Prüfungssituationen unterstützen werden beziehungsweise hat dafür zusätzliche dauerhafte Personalkapazitäten geschaffen. Zum einen wird es im Lernzentrum LEO eine zusätzliche dauerhafte Stelle geben, die Angebote zur Lern- und Schreibberatung sowie zum Prüfungscoaching bietet. Zum anderen ist jüngst die psychosoziale Beratung des Studierendenwerkes dauerhaft kapazitär ausgeweitet worden. Sie ist unter anderem auf Prüfungsängste fokussiert.“ (Bastian Ludwig)

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