Methoden aus Leistungssport

Prüfungsangst Uni bietet Hilfe gegen Lernblockaden und Stress

Kassel. Was ist, wenn ich durchfalle? In der wichtigsten Prüfung meines Studiums versage? Für viele Studenten ist bereits der Gedanke an dieses Szenario und die damit verbundenen Konsequenzen eine Horrorvision.

Viele leiden häufig oder gelegentlich unter Lern- und Prüfungsblockaden.

„Spätestens beim dritten Wiederholungsversuch kann Prüfungsangst jeden treffen“, sagt der Erziehungswissenschaftler Dr. Timo Nolle von der Universität Kassel. Er hat dagegen ein neuartiges und einfaches Konzept: In Einzelgesprächen entwickelt er mit Studierenden individuell Wege, Prüfungsangst und Motivationstiefs zu überwinden. Entwickelt hat er die Methode auf der Grundlage von Mental-Trainings, die auch bei Leistungssportlern angewendet werden. Als Trainer für Wettkampfkletterer beim Deutschen Alpenverein hat Nolle damit Erfahrungen gesammelt.

„Oft helfen schon kleine Tricks, um Blockaden, Frust oder Panikattacken zu lösen“, sagt der 34-Jährige. Zusammen mit den Betroffenen entwickelt er eine Art Spickzettel für kritische Situationen, erörtert, welche Ängste sie haben, wann diese entstehen und wie man sich in diesen Situationen verhält. Dann begeben sich die Betroffenen bewusst in eine Angst-Situation und analysieren ihr Verhalten. Nolle: „Das allein reicht oft schon, denn was ich kenne, kann mich nicht mehr überfallen.“

Und ändern kann man auch etwas. Ein Beispiel: In einer Black-out-Situation nahm eine Studentin eine eingefallene Haltung ein, kauerte sich zusammen. Das führt zu einer schlechten Atmung, wirkt sich auf Herzschlag, Blutdruck und Sauerstoffversorgung aus. Was hilft? Sich aufrichten oder aufstehen, ruhig und tief durchatmen. Das fördert die Sauerstoffversorgung, man kann sich wieder konzentrieren. Und: „In einer aufrechten, offenen Körperhaltung fällt es schwer, sich klein und schwach zu fühlen“, sagt Nolle.

Viele Studierende stellen sich beim Lernen für eine Prüfung vor, dass sie es nicht schaffen, weiß Nolle. „Ich vermittle ihnen, wie sie die Zuversicht entwickeln, dass sie es schaffen.“ Oft helfen schon Kleinigkeiten, um sich positiv zu programmieren, sagt er. „Wichtig ist ein positives Ziel, eine Vision.“ Beispielsweise: Auf was kann ich mich in meinem späteren Beruf freuen?

Es gibt auch Betroffene, die in anderen Lebensbereichen hochmotiviert sind. Die dafür verantwortlichen Faktoren lassen sich Nolle zufolge häufig auch auf das Lernen und die Motivationssteigerung im Studium übertragen.

Der Erziehungswissenschaftler berät auch in freier Praxis bei Lern- und Prüfungsproblemen (www.timo-nolle.de). Seine Arbeit an der Uni wird finanziert aus Mitteln des Qualitätspakts Lehre und ist am Servicecenter Lehre angesiedelt. Für Studierende ist das Angebot kostenfrei.

Das Einzel-Coaching ergänzt weitere Angebote der Hochschule, etwa Workshops zum Stressmanagement oder zur Prüfungsvorbereitung. Die psychosoziale Beratungsstelle des Studentenwerks bietet therapeutische Hilfe bei Krisen. Foto: Konrad

Dr. Timo Nolle hält am Dienstag, 20. Januar, einen kostenlosen Vortrag „Pimp my Prüfung - Mit Drive durch den Stress“. Auch Schüler und Azubis sind eingeladen. Beginn: 18.15 Uhr, Arnold-Bode-Str. 10, Raum 0219.

Von Mirko Konrad

Tipps vom Profi: Lernstift und Joker-Tag

• Anfangen: Das Schwierigste am Lernen ist der Anfang. Üben Sie den Anfang, indem Sie jeden Tag mindestens zehn Minuten lernen. Es reicht, wenn Sie nur den Stoff des Vortags wiederholen.

• Lerneinheiten und Pausen: Legen Sie Lerneinheiten mit immer der gleichen Dauer fest (20 bis 50 Minuten), dann eine kurze Pause von fünf bis zehn Minuten, die reizarm sein sollte (kein Fernsehen, kein Computerspiel).

• Arbeitsplatz: Entscheiden Sie sich für einen bestimmten Arbeitsplatz und eine klare Trennung von Freizeit und Lernen. Versuchen Sie immer, am gleichen Platz zu lernen.

• Fortschritt visualisieren: Dass Sie etwas geschafft haben, muss sichtbar sein. Sie können für jede Lerneinheit einen Post-it-Zettel zerknüllen und in eine Vase werfen. Eine überquellende Vase führt buchstäblich vor Augen, dass man gut auf eine Prüfung vorbereitet ist.

• Stift: Legen Sie sich einen Stift zu, den Sie nur zum Lernen verwenden. Schreiben Sie damit nichts anderes. Der Körper wird sich an den Stift gewöhnen. Schreiben Sie damit auch die Prüfungen.

• Joker-Tage: Legen Sie eine feste Anzahl an Joker-Tagen fest, die Sie sich unplanmäßig als freie Tage gönnen, wenn mal gar nichts geht.

• Lernplan: Planen Sie den Lernprozess bis zur Prüfung Tag für Tag. Planen Sie auch besondere Ereignisse wie Geburtstage oder Konzerte und deren Auswirkungen auf den folgenden Tag realistisch ein. (pmk)

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