Interview

Psychoanalytiker Rolf-Peter Warsitz: „Wir können Träume nicht steuern“

Rolf-Peter Warsitz, Psychoanalytiker und Psychiater
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Rolf-Peter Warsitz

Wie schlafen und träumen wir, wenn wir alt sind? Und warum begegnen uns manchmal Verstorbene in Träumen? Experten tauschen demnächst ihre neuesten Erkenntnisse aus.

Kassel - Seit über 30 Jahren findet in dieser Jahreszeit das Symposium „Psychoanalyse und Altern“ an der Universität Kassel statt. Es ist in diesem Jahr dem unlängst verstorbenen Ehepaar Hartmut und Hildegard Radebold gewidmet, die sich unter anderem als Autoren einen Namen gemacht hatten, er als Professor, Forscher und Psychotherapeut, sie als Bibliothekarin. Über das diesjährige Thema „Schlaf und Traum im Alter“ sprachen wir mit dem Psychotherapeuten und Philosophen Prof. Dr. Rolf-Peter Warsitz.

Herr Warsitz, träumt man im Alter anders als in jungen Jahren?

Das wollen wir bei dieser Tagung untersuchen. Eine unserer Grundannahmen in der psychoanalytischen Altersforschung ist jedenfalls, dass sich im Alter sehr viel verändert, nicht nur soziologisch und biologisch, auch in der Persönlichkeit. Manche Menschen werden rigider, strenger, andere werden milder. Die Änderung der Persönlichkeit geht auf Modifikationen unserer Abwehrstruktur zurück, also der inneren psychischen Mechanismen, mit denen wir auf Konflikte in unseren Beziehungen und unserer Umwelt reagieren.

War das auch so bei den beiden Menschen, die Sie jetzt besonders ehren, bei Hildegard und Hartmut Radebold?

Ja, ich denke schon. Gerade Hartmut Radebold als Spiritus Rector der Alterspsychotherapie wirkte in den letzten Jahren viel flexibler und offener. Er gab Funktionen auf und erfüllte sich einen Kindheitstraum: Er machte auf Rügen einen Lokomotivführerschein.

Was geschieht eigentlich, wenn wir träumen?

Das Träumen ist Ausdruck einer Verarbeitung des Erlebens, vermittelt über das Unbewusste. Kennzeichnend daran ist: Wir können Träume nicht steuern. Deswegen ist es so interessant, sich das Träumen gerade auch im Alter anzuschauen, vom erzählten Traum bis hin zu der Frage, was beim Träumen eigentlich neurophysiologisch geschieht. All das haben wir am 3. und 4. Dezember vor.

Warum träumen manche Menschen oft, andere nie?

Die Forschung sagt: Alle Menschen träumen. Nur nicht jeder nimmt das so wahr. Ich glaube, das hat mit der eben erwähnten Abwehrstruktur zu tun. Wir erinnern uns nicht an Träume, weil sie uns vielleicht unangenehm sind, weil wir uns davor schützen wollen, was in ihnen auftauchen könnte. Das kann man schon bei Kindern beobachten, die ja auch manchmal Angst davor haben einzuschlafen. Die innere Auseinandersetzung mit Träumen ist eben nicht nur schön, sondern oft auch angstbesetzt. Daran zu arbeiten, ist ein ganz interessanter Aspekt unserer therapeutischen Arbeit.

Es gibt ja aber auch sehr schöne Träume etwa von wunderschönen Begegnungen oder dass man plötzlich fliegen kann. Was wiegt schwerer, die Angst oder die Sehnsucht?

Der Gründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud, hat in seinem berühmten Werk über die Traumdeutung gesagt: Träume stellen Wunscherfüllungen dar. Demgegenüber steht unabweisbar die Tatsache von beängstigenden Albträumen. Wunscherfüllung ist mehrdeutig; nicht selten ist ein erfüllter Wunsch nicht nur durch und durch positiv, sondern die Rettung aus großer Gefahr. Bleibt die Rettung aus, träumen wir einen Albtraum und wachen vorzeitig auf. In diesem Sinne kann ein vordergründig schöner Traum auch eine sogenannte Reaktionsbildung sein, ein Hinweis auf den unbewussten Versuch, etwas Ängstigendes zu unterdrücken.

Was unterscheidet einen Traum in der Nacht von einem Tagtraum?

Den Tagtraum kennen wir ja vorwiegend in einem entspannten Zustand. Daher sind Tagträume oft ein wenig gereinigt von der Welt der Ängste und Befürchtungen, denen wir im Schlaf ungeschützt ausgesetzt sind. Tagträume gehen eher in die Richtung des Wünschens, der Sehnsucht.

Treffen wir in unseren tiefsten Tiefen auf unser ganz persönliches Unbewusstes oder auf kollektive Erfahrungen und Urbilder, wie sie letztlich alle Menschen teilen?

Ich neige eher zu Ersterem und damit zu der Überzeugung der klassischen Psychoanalyse. Demnach stoßen wir im Traum auf unsere persönlichen ungelösten Konflikte und Widersprüche sowie auf die kindlichen Ängste, die wir im Lauf unseres Lebens nicht bewältigt haben. Angeregt wird das üblicherweise durch unerledigte Erlebnisse des Tages, die wir in die Nacht holen und im Schlaf mit den Konflikten, Widersprüchen und Ängsten verbinden. Daher bekommen Träume auch ihre oft höchst relevante individuelle Vielgestaltigkeit. Wir werden übrigens auch einen Vortrag über Träume speziell im Lebenslauf von Frauen hören.

Viele Menschen scheinen aber doch ganz ähnliche Träume zu träumen, etwa wenn ein Verstorbener im Traum wiederbegegnet?

Ja, das ist so, aber es muss nicht bedeuten, dass wir alle dasselbe träumen. Therapeutisch gesehen ist die Begegnung mit einem Verstorbenen in einem Traum oft das Verarbeiten einer Verlusterfahrung. So ein Traum ist in einer frühen Trauerphase Ausdruck einer Verleugnung des erlittenen Verlustes. Das wird aber später im Trauerprozess anders. Verstorbene können in späteren Träumen auch weggehen. Die Art, wie ein Mensch seinen Verlust im Traum wieder aufheben will, ist nach meiner Überzeugung aber für jeden Menschen ganz spezifisch. Trotz feststellbarer Muster sind Träume sehr, sehr individuell.

Symposion „Psychoanalyse und Altern“

Am Freitag und Samstag, 3./4. Dezember 2021, findet das 33. Symposion „Psychoanalyse und Altern“ mit dem Thema „Schlaf und Traum im Alter“ im Gießhaus der Universität Kassel statt (jeweils ab 9 Uhr). Die Tagung ist öffentlich und kann auch im Internet wahrgenommen werden. Informationen zu Programm und Tagungsbeiträgen: psychoanalyse-und-altern.de.

Zur Person

Dr. med. Dr. phil. Rolf-Peter Warsitz (70) ist Professor (i.R.) für Soziale Therapie, Philosophie und psychoanalytische Theorie an der Uni Kassel, Psychiater, Psychoanalytiker und Lehranalytiker. Der Mitherausgeber der Zeitschrift Psyche, der auch Mitglied der Arbeitsgruppe Psychoanalyse und Altern ist, ist verheiratet und lebt in Kassel.

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