"Bärendienst für Tierschutz"

Psychologe über Drohungen gegen Zirkus Flic Flac: Mehrheit lehnt fanatische Tierschützer ab

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Unbekannter drohte Zirkus Flic Flac: Weil geplant war, beim Kasseler Gastspiel eine Tierdresseurin mit Hunden und einem Pferd auftreten zu lassen, kündigten militante Tierschützer an, das Zirkuszelt anzünden zu wollen. Hier ein Foto vom letzten Jahr.

Kassel. Tierschützer hatten damit gedroht, die Zelte des Zirkus Flic Flac anzuzünden. Über das Thema sprachen wir mit dem Psychologen Prof. Ernst Dieter Lantermann.

Hintergrund war, dass während des Kasseler Gastspiels vom 20. Dezember bis 14. Januar auch eine Tierdresseurin mit ihren Hunden und einem Pferd auftreten sollte. Nach heftiger Kritik und Drohungen hat die Dresseurin ihren Auftritt abgesagt.

Der Kasseler Professor für Persönlichkeits- und Sozialpsychologie Ernst Dieter Lantermann hat sich zuletzt viel mit der radikalisierten Gesellschaft befasst und dazu auch ein Buch veröffentlicht.

Erweisen radikale Tierschützer durch derartige Aggressivität dem Tierschutz nicht einen Bärendienst?

Ernst-Dieter Lantermann:Mit einiger Sicherheit, da die Mehrzahl der Bevölkerung Gewaltfreiheit, Toleranz und Kompromissbereitschaft für unverzichtbare Tugenden des demokratischen Miteinanders hält. Daher lehnt sie die leider zunehmenden aggressiven und gewaltbilligenden Aufrufe und Aktionen fanatischer Tierschützer entschieden ab.

Ist es möglich, im Namen der Moral mit unmoralischen Methoden zu kämpfen?

Lantermann: Das Tierwohl ist für den fanatischen Tierschützer das allerhöchste moralische Prinzip, dem im Zweifel auch das Wohl der Menschen geopfert werden muss. Daher existieren im verbohrten Blick des extremen Tierschützers auch keine unmoralischen Mittel beim Kampf um das Tierwohl.

Hier gastiert der Zirkus Flic Flac in Kassel

Woher rührt derartige Militanz im Tierschutz und ist sie vielleicht nötig, um etwas zu erreichen?

Lantermann: Wichtig ist, zwischen radikalen und fanatischen Tierschützern zu unterscheiden.

Im Gegensatz zum Fanatiker berücksichtigt der radikale Tierschützer die Folgen seines Tuns auf die Gesellschaft und kann daher in der Tat sehr erfolgreich sein. Jedoch würde in dem Maße, in dem der fanatische Tierschutz das öffentliche Bild bestimmt, die Wirkung der Tierschutzbewegung abnehmen, da der Fanatiker die allermeisten Menschen zu Feinden erklärt und sich damit selber von der Gesellschaft isoliert.

Die Rede ist schon von der „Veganen Armee Fraktion“. In welchen Lebensbereichen beobachten Sie die Tendenz zu extremen Positionen?

Lantermann: Der Hang zu extremen Überzeugungen und Weltsichten zeigt sich gegenwärtig an vielen Fronten – vom Rassismus, Nationalismus, religiösen Extremismus, Homophobie, fanatischem Feminismus bis hin zum Tierwohl-Fanatismus.

Verfechter all dieser doch sehr unterschiedlichen extremen Positionen eint mehr, als diesen recht sein dürfte: Unter anderem eine entschiedene Abkehr von demokratischen Tugenden, die sich gerade auch im Respekt gegenüber Menschen mit ganz anderen Vorstellungen vom richtigen Leben beweist.

Lässt sich die Mehrheit der Bevölkerung durch solche Aktionen und Positionen erreichen?

Lantermann: Unter den gegenwärtigen gesellschaftlichen Bedingungen bin ich sehr optimistisch, dass extremistische Positionen nicht die Oberhand gewinnen.

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