Kasseler Außenstelle der Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft 

Purer Luxus: In Kassel wurden ab 1950 die Speisewagen bestückt

Von Kassel aus wurden ab den 1950er Jahren Speisewagen der Bahn bestückt. Alles wurde frisch gekocht. Zeitzeuge Robert Petzold war Kellner im Zug und erinnert sich.

Robert Petzold

Bitte einsteigen zur Zeitreise. Es geht zurück in die 1950er Jahre, als die mit Dampf betriebenen Fernzüge noch im Kasseler Hauptbahnhof hielten. Robert Petzold (85) aus Kaufungen kann sich noch gut an diese Zeit erinnern. „Ich bin als Kellner im Speisewagen mitgefahren“, sagt er. Damals studierte Robert Petzold Chemie in Marburg und verdiente in den Semesterferien Geld. „Gutes Geld“, wie der spätere Mitarbeiter von Kali und Salz sagt, denn die Kellner waren am Umsatz in den Zügen beteiligt.

Alles frisch gekocht

Was damals bei der Bahn auf den Tisch kam, ist aus heutiger Sicht der pure Luxus. „Unser Koch in Kassel hat alles frisch geliefert bekommen“, sagt Petzold. Da wurden halbe Schweine, zentnerweise Kartoffeln, Gemüse, Rind- und Kalbfleisch angeliefert. Ganz hinten am Südflügel des Hauptbahnhofs – heute ist das die Franz-Ulrich-Straße – befanden sich die Gebäude der DSG (Deutsche Schlafwagen- und Speisewagengesellschaft). Es gab große Lagerhallen und sogar einen eigenen Bierkeller.

Blick in einen Speisewagen der Bahn in den 1950er Jahren: Die wurden auch von Kassel aus mit Speisen und Getränken versorgt. Unter anderem ging damals Herkules-Bier mit auf die Reise. Foto:  privat/nh

„Wir hatten vorgeschriebene Marken wie Dortmunder Actienbier und Fürstenberg, aber jeder größere Standort durfte sein eigenes Bier hinzufügen“, sagt Petzold. In Kassel war das Herkules-Bier von der gleichnamigen Brauerei, die es heute nicht mehr gibt.

Neben den verschiedenen Biersorten waren auf der Speisekarte auch Weine aufgelistet. Man kann sich das nur noch schwer vorstellen, aber die Bahn hatte eine eigene Kelterei und bot nach Einschätzung von Petzold sehr brauchbare Tropfen an.

Kohle und Stangeneis

Unter anderem für die Züge nach Westerland auf Sylt, die vom Hauptbahnhof aus starteten. Die waren sehr beliebt, weil es auch damals schon das Jugendseeheim im Klappholttal gab. Zehn Stunden habe damals die Fahrt mit der Dampflokomotive Richtung Norden und über den Hindenburg gedauert. Gekocht wurde im Zug auf einem Kohleherd, die Kühlung der Getränke und Lebensmittel erfolgte mit Stangeneis. Robert Petzold hat sehr oft auf Sylt übernachtet. Das Quartier für das Zugpersonal befand sich an der Strandstraße, die heute eine der teuersten Adressen Deutschlands ist. „Das war damals aber alles andere als Luxus“, sagt er.

Das Ende einer Ära: Die letzte Dampflok fuhr 1973 vom Kasseler Hauptbahnhof ab.

Er sei kurz nach Mitternacht in Westerland angekommen und habe sein eigenes Bettzeug sowie Handtücher mitbringen müssen. Dann schnell rüber ins spartanisch ausgestattete Quartier, fünf Stunden schlafen und mit dem Morgenzug wieder zurück Richtung Kassel.

Dort bediente er dann wieder – und das nicht nur im Speisewagen. Im ganzen Zug wurden kalte Getränke, Kaffee, Fleischbrühe und belegte Brote mit Gewürzgurken angeboten.

Typisch für die Zeit war die sogenannte bunte Platte der DSG. Die bestand aus einem Keks oder einem Stück Schokolade, mehreren Zigaretten, einem Magenbitter der Marke Unterberg und einem Pfefferminzbonbon.

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