Putz bröckelt, Fenster undicht

Großer Sanierungsbedarf an alten Kasseler Industriestandorten

Das Werk Mittelfeld von oben: Hauptmieter sind Bombardier, Rheinmetall, die Henschel-Antriebstechnik, Volkswagen und der Logistiker Rudolph. Das große Areal oben rechts gehört Daimler. Archivfoto: nh

Kassel. Die meisten Mieter in den Werken Mittelfeld und Rothenditmold - Industriebetriebe, Dienstleister, Logistiker, Kleingewerbetreibende, Freischaffende und Museen - geben sich nach dem Verkauf der Standorte gelassen.

Angst vor Kündigungen nach dem Verkauf der Immobilien an die zypriotische Grand City Property (GCP) LTD haben nur einige kleine Mieter. Zum einen steht das Miet- über dem Kaufrecht. Zum anderen will der neue Eigentümer eine Rendite erzielen - und das geht nur mit ordentlichen Mieteinnahmen. Es sei denn, der Investor will das Ganze wieder en bloc verkaufen oder teilen und die Filetstücke vermarkten - gewinnbringend natürlich.

Über den Kaufpreis ist aus Berlin nichts zu hören, über die Absichten zwar ein wenig mehr, aber nichts Konkretes. Das Engagement sei langfristig, heißt es. Die betroffenen Unternehmen hören es gern. Denn bei einer bedeutenden Investition will man schon wissen, ob man in zehn Jahren noch ein Dach über dem Kopf hat. Und sie beklagen - wenn auch nicht öffentlich - den unübersehbaren Investitionsstau auf dem weitläufigen Gelände. 45 Hektar (etwa 64 Fußballplätze) sind es im Mittelfeld, davon 14 Hektar bebaut. In Rothenditmold sind es 11,5 , davon 5,5 Hektar bebaut.

Beim Lokbauer Bombardier hat es schon häufig durchs Dach geregnet, Fenster und Fassaden sind vielfach undicht, der Putz bröckelt allenthalben, energetische Sanierung: Fehlanzeige. Bewirtschaftet und verwaltet werden die Flächen und Gebäude von dem Immobilien- und Gebäude-Manager RGM Expersite GmbH, einer Tochter der Dortmunder RGM-Gruppe, die aus dem Immobilien-Dienstleister der einstigen Ruhrkohle AG hervorgegangen ist. RGM Kassel war früher die ThyssenKrupp Expersite, der konzerneigene Gebäude-Manager des Anlagenbauers und Stahlkochers.

Als Investor in Industrie-Objekten sind die Zyprioten bislang nicht in Erscheinung getreten. Allerdings als Hotelbetreiber und vor allem als Wohnungsgesellschaft mit 23 000 Einheiten bundesweit, die meisten in Nordrhein-Westfalen. Dort ist man nicht besonders gut auf Grand City zu sprechen. In Wuppertal etwa hat GCP vor zwei Jahren zugeschlagen und zahlreiche Wohnungen erworben.

Der Chef des Mieterbundes, Bruno Wortmann, lässt kein gutes Haar an GCP. Die hätten ganz überwiegend schlechte, billige Bestände gekauft, betrieben eher Kosmetik als dringend notwendige Sanierung und „holen die letzte Rendite aus den Gebäuden“. 30 Prozent der fraglichen Bestände stünden leer, Dach und Fassaden seien undicht. Die unaufschiebbaren Arbeiten würden von osteuropäischen Bautrupps ausgeführt, die nur nachts arbeiteten. Bei juristischen Streitigkeiten schicke das Unternehmen Juristen. Von den Eigentümern keine Spur. „Alles sehr merkwürdig“, sagt Wortmann.

Hintergrund: Wenig aufschlussreiche Abschlüsse

Grand City hat seine Objekte in Einzelgesellschaften geparkt. Viele tragen den Namen Alemory Grundstücks GmbH und unterscheiden sich nur in der fortlaufenden Nummer. Was sich hinter welcher Gesellschaft verbirgt, ist ohne Weiteres nicht ersichtlich.

Auch die Geschäftsabschlüsse im Bundesanzeiger geben wenig Aufschluss über Zustand und Liquidität der Einzelfirmen. Für Alemory 19 werden für 2012 ein Anlagevermögen von 778 Euro, ein Verlust von 297 000 Euro und Verbindlichkeiten von 6,5 Mio. Euro ausgewiesen. Alemory 28: Anlagevermögen null, Überschuss 1,47 Mio. Euro. Alemory 21: Anlagevermögen 522 000, Überschuss 147 000, Verbindlichkeiten 3,57 Mio. Euro, davon 1,24 Mio. Euro Steuerschulden. Alemory 22: Anlagevermögen 2,35 Mio., Überschuss 133 000, Verbindlichkeiten 2,4 Mio. Euro.

Von José Pinto

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