Demonstration

„Querdenker werden extremistischer“: Große Gegen-Demo am Samstag in Kassel

Demonstration der „Querdenker“ im Dezember auf dem Bahnhofsvorplatz in Kassel.
+
Demonstration der „Querdenker“ im Dezember auf dem Bahnhofsvorplatz in Kassel.

Zahlreiche Initiativen rufen für Samstag (15.01.2021) zu einer Demo gegen „Querdenker“ auf. Die Organisatoren beobachten die Szene schon lang und sind besorgt.

Kassel – Bereits am dritten Wochenende im neuen Jahr könnte es die erste Groß-Veranstaltung der „Querdenker“ in Kassel geben. Mehr als 500 Teilnehmer erwarten die „Freien Bürger“ für ihren Aufzug, der am Samstag (15.01.2022), 15.30 Uhr, vor dem Fridericianum auf dem Friedrichsplatz beginnt. Zahlreiche Initiativen setzen indes ein Zeichen gegen die „Querdenker“. Höhepunkt der Gegen-Demo ist die Kundgebung ab 14.30 Uhr auf dem Königsplatz. Wir sprachen mit Mitorganisator Jakob Alber.

Wieso ist es Zeit, ein Zeichen gegen die „Querdenker“ zu setzen?
Zum einen werden sie immer präsenter. Es entsteht der Eindruck, als seien sie die schweigende Mehrheit. Das stimmt aber nicht. Zum anderen wird auf ihren Veranstaltungen so viel Problematisches und faktisch falsches gesagt, dass man dagegen unbedingt ein Zeichen setzen muss. In Kassel haben die „Querdenker“ für Samstag (15.01.2022) die erste größere Demo des Jahres angemeldet. Wir wissen auch nicht, wie viele Teilnehmer dort kommen werden. In der Vergangenheit hat man die Mobilisierungskraft der Bewegung unterschätzt, aber auch überschätzt. Ich hoffe, dass es nicht 1000 „Querdenker“ werden. Bei unserer Versammlung rechne ich mit mindestens 100 Teilnehmern.
Mit dem Schwurbelticker-Kanal auf Telegram beobachten Sie und Ihre Mitstreiter die Kritiker der Corona-Maßnahmen seit Längerem. Innenminister und Verfassungsschützer registrieren eine Radikalisierung der Szene. Wie nehmen Sie die Bewegung wahr?
Den Begriff „Kritiker der Corona-Maßnahmen“ finde ich nicht mehr passend. Den Teilnehmern dieser Veranstaltungen geht es nicht um konkrete Maßnahmen, die kritisiert werden. Vielmehr werden alle Maßnahmen komplett abgelehnt. Sie glauben, Corona existiere nicht, sei ungefährlich oder ein Plan von „denen da oben“, um die Welt in eine Diktatur zu verwandeln. Auch ich habe keinen passenden Begriff dafür. Persönlich verwende ich gern Verschwörungsideologen und -ideologinnen. Weil dieses Wort aber nicht gebräuchlich ist, finde ich es okay, von „Querdenkern“ zu reden.
Ob Kritiker, Verschwörungsideologen oder „Querdenker“ – wie schätzen Sie die Bewegung ein?
In letzter Zeit ist sie immer extremistischer geworden. Ich bekomme die Dynamiken in den Telegram-Gruppen mit. Dort gibt es mittlerweile auch Aufrufe zu konkreter Gewalt. Seitdem die Maßnahmen für Ungeimpfte anziehen und eine Impfpflicht diskutiert wird, werden die „Querdenker“ wütender. Trotz der steigenden Zahlen bei den Montagsspaziergängen würde ich jedoch bestreiten, dass die Bewegung einen exponentiellen Zuwachs aus der Breite der Gesellschaft verzeichnet. Die Trennlinien sind längst gesetzt. Wenige sagen jetzt noch: „Ach, die Impfung macht doch Sinn. Ich lasse mich doch impfen.“ Andersrum ist es ähnlich.

Demo gegen „Querdenker“ in Kassel: Jakob Alber sieht einen gewaltbereiten Teil bei „Querdenkern“

Bei der Demo der „Querdenker“ soll unter anderem Hermann Ploppa reden, der bei der Bundestagswahl für die Partei Die Basis im Schwalm-Eder-Kreis angetreten ist und dessen Bücher im rechtslastigen Kopp-Verlag erscheinen. Wie gefährlich ist so jemand?
Ich halte ihn für enorm gefährlich. Ploppa schreibt etwa, dass der Geschichtsrevisionist und Holocaust-Leugner Harry Elmer Barnes auf Wikipedia zu Unrecht verunglimpft werde. Jemand wie Ploppa wird nicht nur akzeptiert, sondern mit ihm wird geworben, ohne dass es auf Widerstand stößt. Das sagt einiges über die Bewegung aus.
Wie groß ist die Gefahr, dass sich eine neue RAF aus den Reihen der „Querdenker“ bildet?
Eine terroristische Gruppe wie die RAF halte ich für unrealistisch. Aber es gibt definitiv einen Teil, der gewaltbereit ist. Ich halte es für möglich, dass aus der Bewegung heraus Morde initiiert werden.
Wurden Sie selbst schon bedroht?
Konkret bedroht wurde ich nicht, aber ich fühle mich nicht ganz wohl damit, mich so öffentlich zu zeigen. Trotzdem will ich mich nicht einschüchtern lassen.
In den Telegram-Gruppen der „Freien Bürger“ werden zum Teil krude Verschwörungserzählungen verbreitet. Anders als in anderen Städten verliefen die Spaziergänge und Demos in Kassel jedoch bislang friedlich. Und Protest ist ja legitim. Müsste eine Demokratie eine Minderheit, die montagabends spazieren geht, nicht aushalten? Oder sind Sie für ein Verbot solcher Aufzüge?
Kritik am staatlichen Handeln ist selbstverständlich legitim. Dafür gibt es in einer Demokratie klare Spielregeln. Wer Veranstaltungen anmeldet, darf eine ganze Menge. Selbst ein Protest auf der Autobahn ist möglich. Der Staat schützt einen dann. Emanzipatorische Bewegungen haben auch auf zivilen Ungehorsam gesetzt. Aber die „Querdenker“, die eben nicht emanzipatorisch sind, entziehen sich diesem geregelten Streit und provozieren bewusst und unnötig damit, dass sie Hygienemaßnahmen auf den unangemeldeten „Spaziergängen“ nicht einhalten. Das sollte sich ein Rechtsstaat nicht ohne Weiteres gefallen lassen. Da muss ein Mittelweg gefunden werden.

Mitorganisator der Anti-„Querdenker“- Demo in Kassel: „Halte es für gut, respektvoll miteinander zu reden“

Viele Kritiker der Corona-Maßnahmen sehen sich zu Unrecht in die rechte Ecke gestellt und beteuern, sie seien ganz normale Bürger aus der Mitte der Gesellschaft. Sehen Sie die Gefahr, dass man diese Menschen durch Gegenkundgebungen in die Arme von Radikalen treibt?
Ja, diese Gefahr sehe ich. Natürlich sind nicht alle „Querdenker“ rechtsextrem. Aber sie haben kein Problem, mit Rechtsextremen auf die Straße zu gehen. Ich unterstelle jedem Einzelnen von ihnen, das nicht zu kritisieren. Das muss gesagt werden.
Wer mit „Querdenkern“ diskutiert, wird feststellen, dass das sehr schwierig ist. Ist ein Diskurs mit den Impfgegnern überhaupt möglich?
Bis zu einem gewissen Punkt schon. Aber das ist immer schwierig, weil die „Querdenker“ die Erkenntnisse der empirischen Wissenschaft nicht zur Kenntnis nehmen. Vorigen Samstag habe ich eineinhalb Stunden mit zwei Teilnehmern diskutiert. Das war ein spannendes Gespräch. Bis einer sagte, den Holocaust zu leugnen, sei Meinungsfreiheit. Da war ich raus. Grundsätzlich halte ich es aber für gut, respektvoll miteinander zu reden.
Wann wird das alles vorbei sein?
Ich glaube nicht, dass dieser Konflikt mit dem Ende der Pandemie vorbei ist. Viele „Querdenker“ haben ein gefestigtes Weltbild von geheimen Eliten, die irgendetwas steuern. Dieser verschwörungsideologische Unterbau verschwindet nicht einfach mit Corona. Viele leugnen auch den Klimawandel. Das Problem wird uns erhalten bleiben.

Start der Gegen-Demo Samstag (15.01.2022), 14 Uhr, vor der Alten Post in der Friedrich-Ebert-Straße. Kundgebung auf dem Königsplatz ab 14.30 Uhr. Unterstützt vom AStA der Universität, Fridays for Future, Students for Future, Omas gegen Rechts, Linke, Grüne Jugend, Goldfisch AG, Seebrücke, Keine A 44, Autonomes Queer* Referat der Uni.

Mit dem Spaziergang instrumentalisieren die Gegner der Corona-Maßnahmen einen weiteren Begriff für sich. Zuvor war das bereits mit dem „Querdenken“ passiert. (Matthias Lohr)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.