Hochschulsport

Ein Hauch von Hogwarts: Die "Flying Raccoons" spielen Quidditch in Kassel

Kassel. Quidditch ist inzwischen mehr als die Sportart der Zauberlehrlinge aus den Büchern von J.K. Rowling. Weltweit haben sich Teams gegründet, die den Sport in der Realität spielen, auch in Kassel.

Mit einem Besen zwischen den Beinen und dem Quaffel in der Hand rennt Student Sebastian Ulloth über den Rasen hinter der Kasseler Auehalle. Hier, außerhalb von Hogwarts, ist der Besen allerdings ein PVC-Rohr und der Quaffel ein Volleyball. Als Jäger seiner Mannschaft ist es sein Ziel, den Ball durch die gegnerischen Torringe zu werfen. Trifft er, gibt es zehn Punkte. Doch die Tore sind nicht einfach zu erreichen: Sie werden wie in jedem Sport verteidigt - und zwar von Hütern und Treibern, zumindest beim Quidditch.

Quidditch? Ja, richtig. Den berühmten Sport aus der Zauberwelt um die Romanfigur Harry Potter gibt es seit 2005 auch für Menschen ohne Zauberkräfte, sogenannte Muggel, wie J.K. Rowling sie in ihren Büchern bezeichnet. Seit diesem Semester gehört Quidditch auch zum Hochschulsport der Universität Kassel. Die Gruppe, bestehend aus 30 Frauen und Männern, nennt sich "Flying Raccoons Kassel" (Fliegende Waschbären).

Die "Flying Raccoons Kassel": Ein Teil der Mannschaft zeigt sich hier vor den Quidditch-Toren mit Klatschern (Softbällen) und dem Quaffel (Volleyball).

So wird Quidditch gespielt 

Die Sportart ist eine Mischung aus Völkerball, Handball und Football. Zwei Mannschaften mit jeweils sieben Spielern treten gegeneinander an. Die Teams bestehen aus Frauen und Männern, das ist in den Regeln festgeschrieben. Pro Mannschaft dürfen nicht mehr als vier Personen von einem Geschlecht auf dem Spielfeld stehen. Wer als Sieger hervorgehen will, muss am Ende des Spiels die meisten Punkte haben. Jedes Mal, wenn das Team einen Ball durch die gegnerischen Torringe wirft, erhält es zehn Punkte. Die Tore bestehen aus drei Hula-Hoop-Ringen, die auf unterschiedlichen Höhen an Stangen befestigt sind.

Weil Menschen im realen Leben nicht auf Besen fliegen können, halten die Mitspieler ein PVC-Rohr zwischen ihren Beinen. Was albern klingt und auf den ersten Blick auch etwas komisch aussieht, hat durchaus Sinn: Es stellt die Spieler vor eine zusätzliche Schwierigkeit, da sie das Rohr nicht verlieren dürfen. Halten sie es fest und klemmen sie es nicht zwischen die Beine, haben sie nur eine Hand frei um Bälle zu fangen, zu werfen oder abzuwehren. Außerdem ist es eine Hommage an Rowlings Harry-Potter-Reihe. Fällt das Rohr während des Spiels herunter, muss der jeweilige Spieler zu den eigenen Torringen rennen und diese berühren. Bis dahin darf er nicht mitspielen.

„Anfangs ist es komisch, mit einem Besen zwischen den Beinen zu rennen“, sagt Theresa Diekmann (27), die ein Praktikum in Kassel macht und Teil der Mannschaft ist. „Aber man gewöhnt sich schnell daran.“

Quidditch in Kassel: Die " Flying Raccoons Kassel" spielen Zauberersport.

Die Mannschaft und die Regeln 

Wie im Fußball gibt es unterschiedliche Positionen. So besteht eine Mannschaft aus einem Hüter, zwei Treibern, drei Jägern und einem Sucher. Die Aufgabe der Jäger ist es, wie beim Handball, Tore zu werfen. Sie spielen dabei mit dem Quaffel, einem Volleyball, den sie so lange festhalten dürfen, wie sie wollen, auch ein Fußkontakt ist erlaubt. Während die Jäger über das Feld rennen, müssen sie flink und aufmerksam sein. Denn die Treiber der gegnerischen Mannschaft versuchen sie mit Klatschern, also Softbällen, abzuwerfen und somit aufzuhalten – wie beim Völkerball. Ist ein Jäger getroffen, muss er vom „Besen“ absteigen, zu den Ringen seiner Mannschaft rennen und diese berühren. Erst danach ist er wieder im Spiel. Insgesamt befinden sich drei Klatscher auf dem Spielfeld. Der Hüter ist der Torwart im Quidditch, er gibt sich alle Mühe, Tore durch die Jäger zu verhindern. Diese können nur mit dem Quaffel geworfen werden.

Der Einsatz des Suchers ist erst gefragt, wenn der sogenannte goldene Schnatz mit Ablauf der 18. Minute ins Spiel kommt. In Hogwarts, dem Internat für Zauberlehrlinge wie Harry Potter, ist der Schnatz ein goldener Ball mit Flügeln, der eigenmächtig durch die Lüfte rast und von Suchern auf Besen gejagt wird. Hier, auf dem Rasen von Normalsterblichen, wird er von einem unparteiischen Spieler verkörpert, der eine Socke mit einem Tennisball darin hinten an seinem Hosenbund befestigt hat. Der Sucher, der den Schnatz erwischt und die Socke samt Tennisball in der Hand hält, beendet das Spiel. Seine Mannschaft erhält dafür 30 Punkte.

Die verschiedenen Positionen innerhalb der Mannschaften sind durch farbige Stirnbänder gekennzeichnet. Jäger tragen weiß, Treiber schwarz, Hüter grün und der Schnatz gelb.

Mit PVC-Rohren statt Besen: Spieler der "Flying Raccoons Kassel" rennen über das Spielfeld hinter der Kasseler Auehalle. 

Auch mit Football ist Quidditch zu vergleichen, weil beides Vollkontaktsport ist. „Spieler dürfen umgeworfen werden“, erklärt der 22-jährige Sebastian Ulloth. Allerdings dürfe der Körpereinsatz nicht an Körperverletzung grenzen. Mitspielerin Romina Dürr macht es nichts aus, dass es beim Quidditch etwas gröber zugeht. „Man weiß ja, worauf man sich einlässt.“

Das Training der "Flying Raccoons Kassel"

Die "Flying Raccoons Kassel" befinden sich gerade im Aufbau. Als wir die Spieler und Trainer Jens Wetekam, Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Universität Kassel, auf dem Rasen hinter der Auehalle besuchen, haben sie beim vorherigen Treffen bereits das richtige Fallen trainiert. Jetzt geht es erst einmal darum, Sicherheit beim Passspiel zu bekommen, erklärt Wetekam, der während eines Auslandssemesters in Norwegen bereits in einer Quidditch-Mannschaft gespielt hat. Außerdem trainiert das Team, wie es seine Gegner abwehren und am besten angreifen kann. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs spielen die jungen Frauen und Männer auf nur zwei Ringe, auch der Schnatz fehlt noch auf dem Spielfeld. Sie tasten sich langsam an die komplizierte Sportart der Zauberwelt heran.

Übrigens: Nicht alle der Mitspieler sind Harry-Potter-Fans. Quidditch begeistert außerhalb der Zauberwelt vor allem als schneller, aufregender Sport mit viel Bewegung.

Die Gründung der Mannschaft in Kassel

Über das soziale Netzwerk Jodel startete der Student Colin Bendermann Ende des vergangenen Jahres einen Aufruf. Er wollte wissen, ob es auch Andere in Kassel gibt, die Lust haben, Quidditch zu spielen. Der 25-Jährige war schon in seiner Heimat Bochum auf die außergewöhnliche Sportart aufmerksam geworden. Anfangs trafen sie sich mit acht Interessierten und dann „nahm alles seinen Lauf“, sagt er. Jetzt gehört Quidditch zum Unisport.

So kam Quidditch als Sportart in die reale Welt

Xander Manshel und Alex Benepe, Studenten des Middlebury College in Vermont, USA, holten den fiktiven Sport der Zauberlehrlinge im Jahr 2005 in die reale Welt. Sie waren auf der Suche nach einer neuen Freizeitbeschäftigung. Seitdem hat sich Quidditch zu einer ernsten Sportart entwickelt. 2007 fand das erste offizielle Match zwischen dem Middlebury und dem Vassar College statt, 2012 folgte die erste Weltmeisterschaft im britischen Oxford. Fünf nationale Teams aus Kanada, Frankreich, Australien, England und den USA nahmen teil. 2014 spielten Mannschaften in Burnaby, Kanada, um die Weltmeisterschaft, zwei Jahre später in Frankfurt. Quidditch begeistert inzwischen Menschen auf der ganzen Welt.

Teams in Deutschland

Laut Angaben des Deutschen Quidditchbundes gibt es in Deutschland derzeit 32 offizielle Quidditch-Teams, darunter befinden sich auch die Hannover Niffler. Die Flying Raccoons Kassel sind wie die Göttinger Gänse als „Teams im Aufbau“ gelistet. Seit der Saison 2016/17 gibt es eine Deutsche Quidditch-Liga, die in sechs Regionalligen eingeteilt ist. Darunter ist die Baden-Würrtemberg-Liga, die Bayern-Liga, die Norddeutsche Liga, die Nordrhein-Westfalen-Liga, die Ostdeutsche Liga und die Rhein-Main-Liga. Innerhalb dieser Regionalligen treten gelistete Teams gegeneinander an.

Rubriklistenbild: © Wenzel

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