"Autofahrer meinen, die Straßen würden ihnen gehören"

Radler wollen Kassel sicherer machen: So schlimm ist es in der Autostadt

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Bringen mit elf Mitstreitern den Radentscheid auf den Weg: Die Initiatoren (von links) Luisa Sümmermann, Barbara Beckmann, Robbin Meisel und Maik Bock.

Kassel. Die Rad-Revolution erreicht Kassel: Nach dem Vorbild Berlin machen sich auch Kasseler Radler für ein Bürgerbegehren stark. Wir zeigen, wie Radler in der Stadt benachteiligt werden.

Als Luisa Sümmermann vor einigen Jahren nach Kassel zog und sich auf ihr Rad setzte, war sie geschockt. Zuvor lebte die Sozialwissenschaftlerin in Münster und Göttingen, wo Fahrräder zum Alltag gehören. In der Autostadt Kassel fühlte sie sich hingegen von der Straße gedrängt. "Ich hab wirklich überlegt, ob ich das Rad stehen lassen soll", sagt die 34-Jährige.

Das hat sie dann nicht gemacht. Sümmermann radelt immer noch durch Kassel - wenn auch immer noch mit einem unguten Gefühl, vor allem, wenn ihre Tochter dabei ist. Darum will sie Kassel nun lebenswerter machen. Mit 14 anderen Aktivisten will sie einen Radentscheid auf den Weg bringen, damit Kassel wenigstens ein bisschen Radstadt wird.

Andere Städte haben das bereits vorgemacht. In Berlin wurden Unterschriften für den "Volksentscheid Fahrrad" gesammelt. Ergebnis: Das Abgeordnetenhaus muss über das erste Radgesetz Deutschlands diskutieren. In Bamberg hat der Stadtrat die Forderungen der Radler sogar übernommen, ohne dass es zu einem Bürgerentscheid kam. Kassel ist nach Frankfurt und Darmstadt die dritte hessische Stadt, die mit einem Bürgerbegehren das Radfahren sicherer machen will.

Vorreiter aus Berlin und Darmstadt werden an diesem Samstag (15 Uhr) im Campus-Center der Uni über den Radentscheid informieren. Bislang diskutieren Sümmermann und Kollegen, die sich über die monatliche Rundfahrt Critical Mass kennengelernt haben, noch über mögliche Forderungen. Damit es zum Bürgerentscheid kommt, müssen mindestens 4600 Kasseler dafür unterschreiben. Dann könnte zum Beispiel bei der Europawahl im nächsten Jahr über mehr und breitere Radwege, sichere Kreuzungen sowie zusätzliche Stellplätze abgestimmt werden. Nehmen mindestens 15 Prozent der Wahlberechtigten teil und sind mehrheitlich dafür, muss die Stadtverordnetenversammlung die Forderungen umsetzen.

Die Radentscheid-Initiatoren erkennen durchaus an, dass sich in Kassel in den vergangenen Jahren einiges zum Positiven geändert hat. Dass der Anteil des Radverkehrs in der Stadt bis 2030 von bislang 9 auf 11 bis 14 Prozent gesteigert werden soll, wie die Radverkehrsbeauftragte Anne Grimm als Ziel ausgibt, ist ihnen aber zu wenig. In Bamberg beispielsweise sind es jetzt schon 30 Prozent. In Frankfurt sollen an allen Straßen, auf denen man schneller als 30 Stundenkilometer fahren darf, separate Radwege entstehen. Und in Berlin sollen zwei Prozent aller Flächen, die bislang Autos vorbehalten sind, für den Radverkehr genutzt werden. Solche Veränderungen wünschen sich die Kasseler auch für ihre Stadt, die in einer Studie des ADFC nicht nur bei der Sicherheit eine schlechte Note bekam. "Bislang schenkt die Politik dem Radverkehr zu wenig Aufmerksamkeit", klagt Sümmermann. Wie schlimm es für Radler in Kassel ist, haben uns die Initiatoren auf einer Runde durch die Stadt gezeigt, die trotz ihrer hügeligen Topografie im E-Bike-Zeitalter auch für Velos attraktiv ist. Sieben Beispiele, wo Radfahrer benachteiligt werden. Das soll sich durch das Begehren ändern.

Kölnische Straße

Auf der Kölnischen Straße gibt es nur einen Radstreifen, der viel zu schmal ist. Regelmäßig wird er von Autos zugeparkt. Radler müssen ständig auf der Hut sein, wollen sie nicht gegen eine aufgehender Autotür prallen. Verkehrsplaner empfehlen dagegen abgegrenzte Radwege statt einfach auf die Fahrbahn gemalte Radstreifen. Eltern, die hier mit ihrem Kind radeln, müssen schon sehr viel Vertrauen in alle anderen Verkehrsteilnehmer haben. Hier kann man gut verstehen, was Radentscheid-Initiatorin Barbara Beckmann meint, wenn sie sagt: "In Kassel meinen einige Autofahrer, die Straße würde ausschließlich ihnen gehören."

Ganz schön eng: Kölnische Straße.

Leipziger Straße

Wer aus Richtung Kaufungen über die Leipziger Straße in die Stadt radelt, hat einen kilometerlangen Slalom vor sich. Radler müssen ständig zwischen Straße und Gehweg wechseln, der hier auch Radweg ist. Es geht rund um Haltestellen, und irgendwann hört der Radweg einfach auf, ehe man am Kreisel durch eine Unterführung muss. Ähnlich ist es in der Fuldatalstraße, wo Radler höllisch aufpassen müssen, nicht in die Straßenbahnschienen zu geraten.

Slalom auf der Leipziger Straße.

Auestadionkreuzung

Wer von der Menzelstraße, eine von drei Kasseler Radstraßen, nach Süden will, muss an der Auestadionkreuzung sage und schreibe vier Ampeln überqueren. Das kann schon mal zwei Minuten dauern. Lohnen tut sich das Warten nicht. 100 Meter weiter Richtung Süden endet der Radweg ziemlich schmucklos. 

Weg ins Nichts auf der Frankfurter Straße.

Innenstadt

Der vermutlich kürzeste Radweg der Stadt befindet sich auf der Kölnischen Straße. Wer von der Rudolf-Schwander-Straße in Richtung Königsplatz abbiegt, sieht nach weniger als 20 Metern schon wieder das "Ende"-Schild. Das könnte vielleicht sogar für das "Guinness-Buch der Rekorde" reichen.

Der vielleicht kürzeste Radweg Kassels in der Innenstadt.

Kurfürstenstraße

Auch zwischen Kulturbahnhof und Innenstadt hat die Stadt Nachholbedarf. Richtung Bahnhof müssen sich Radler ihren Weg mit Fußgängern teilen, was allerdings kaum ein Passant weiß. Auf der anderen Seite endet der Radweg mitten auf dem Scheidemannplatz, der eigentlich Fußgängern vorbehalten ist.

Verloren in der Innenstadt.

Friedrich-Ebert-Straße

Selbst wenn die Stadt sich herausputzt wie auf der neu gemachten Friedrich-Ebert-Straße, hat sie für Radler noch Überraschungen parat. Der Radweg führt mehrmals direkt in den Wartebereich der Straßenbahnhaltestellen. Und wer in die Goethestraße will, darf nicht einfach nach links abbiegen, sondern muss erst nach rechts und dann von dort geradeaus weiter. Das würde sich kein Autofahrer gefallen lassen.

Anleitung zum richtigen Abbiegen in der Friedrich-Ebert-Straße.

Goethestraße

In Richtung Vorderer Western ist die Goethestraße zum tollen Boulevard geworden. Allerdings gibt es nach Westen keinen Radweg, sondern nur eine Fußgängerzone, die für Radler freigegeben wurde. Sie müssten hier eigentlich Schrittgeschwindigkeit fahren.

Nur Schrittgeschwindigkeit erlaubt in der Goethestraße.

Info-Veranstaltung zum Radentscheid mit Denis Petri vom Berliner Verein Changing Cities und David Grünewald (Radentscheid Darmstadt): Samstag, 14. April (15 Uhr), Campus-Center der Uni, Hörsaal 3, Moritzstraße 18.

Interessenten können sich über die Seite www.radentscheid-kassel.de in die Diskussion einbringen und informieren.

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