Holländischer Griff kann Leben retten

Nach Tod eines Radfahrers in Kassel: Kritik an "lebensgefährlicher" Leipziger Straße

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Mahnmal für mehr Sicherheit: Bei einer Mahnwache in der Leipziger Straße stellte der ADFC gestern ein Geisterrad für den getöteten Radler auf. Links im Bild ist Jürgen Vöckel vom ADFC, ganz rechts Miki Lazar. Der Radfahrer war einer seiner Mitarbeiter.

Nach dem Tod eines 68 Jahren alten Radfahrers wird in Kassel wieder verstärkt über die Sicherheit von Radwegen diskutiert. Die Leipziger Straße halten viele Radler für lebensgefährlich.

So schrecklich die Nachricht ist, Jürgen Vöckel hatte mit ihr gerechnet. „Dass so etwas passiert, war erwartbar“, sagt der 65-Jährige vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) sichtlich geschockt, nachdem er am Sonntag erfahren hatte, dass der Radfahrer, der am Dienstagmittag bei einem Unfall auf der Leipziger Straße schwer verletzt worden war, am Sonntag im Krankenhaus gestorben ist.

Der 68-Jährige aus Kaufungen war mit seinem Mountainbike auf dem Radstreifen stadtauswärts kurz hinter dem Leipziger Platz in die Tür eines geparkten Wagens gefahren, die ein 35 Jahre alter Autofahrer geöffnet hatte – offenbar, ohne auf den nachfolgenden Verkehr zu achten, wie die Polizei mitteilte. Der Radfahrer stürzte und wurde von dem Motorroller eines 54-Jährigen aus Großbritannien erfasst.

Während die Polizei weiter ermittelt, rief der ADFC für gestern zu einer Mahnwache auf, zu der zahlreiche Radfahrer kamen. Bei der Gedenkveranstaltung am Abend stellte der ADFC Kassels erstes „Ghostbike“ (Geisterrad) auf. Mit solchen weiß lackierten Fahrrädern wird in Metropolen schon länger auf getötete Radfahrer aufmerksam gemacht und mehr Sicherheit angemahnt.

Bereits 2014 hatten Rad-Aktivisten diskutiert, solch ein Mahnmal aufzustellen. Damals war ein 29 Jahre alter Rennradfahrer auf der Ehlener Straße im Habichtswald tödlich verunglückt, nachdem er mit dem Auto eines 39-Jährigen zusammengestoßen war, der ihm beim Abbiegen zum Herbsthäuschen die Vorfahrt genommen hatte.

Der Unfall vorige Woche ereignete sich laut Luisa Sümmermann vom Radentscheid auf einer „lebensgefährlichen Strecke“. Auch Vöckel vom ADFC sagt, auf der Leipziger Straße sei es „besonders eng und gefährlich.“ Gleich an mehreren Stellen wird der Radstreifen unterbrochen. Zudem gibt es keinen Sicherheitsabstand zu parkenden Autos.

Eine unachtsam geöffnete Tür kann so für Radler zur tödlichen Gefahr werden – gerade, weil sich die Türkante in der Regel in Kopfhöhe befindet. Laut Forschern der Medizinischen Hochschule Hannover macht dieses „Dooring“ zwar nur drei Prozent aller Radunfälle aus. Allerdings gehen sie meist schlimm aus. „Solche Unfälle gibt es hin und wieder“, sagt Polizeisprecher Matthias Mänz. Besondere Auffälligkeiten hat er diesbezüglich in der Unfallstatistik nicht festgestellt, die 2018 einen Anstieg um fast 50 Unfälle auf 226 Ereignisse gegenüber dem Vorjahr verzeichnet.

Polizei und Radverbände machen immer wieder auf den holländischen Griff (Dutch Reach) aufmerksam. So heißt die Methode, bei der Autotüren mit der weiter entfernten Hand geöffnet werden. Greift der Fahrer mit rechts zur Tür, macht er automatisch einen Schulterblick und sieht Radler, die ihn überholen. In vielen niederländischen Fahrschulen gehört dies zur Ausbildung.

Die Radfahrernation ist allerdings besonders sensibilisiert für die Belange des nichtmotorisierten Verkehrs. Auf der Leipziger Straße in Kassel dagegen, sagt ADFC-Mann Vöckel, „fährt immer das schlechte Gewissen mit.“

Hier ereignete sich der Unfall:

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