Radioaktives Lkw-Waschwasser landete 1986 in Kassels Kläranlage

Standort Kassel der HIM GmbH: Am Lossewerk 9 im Stadtteil Bettenhausen werden in Nachbarschaft zu den Stadtreinigern und dem Kasseler Müllheizkraftwerk (rechts im Bild) seit 1978 umweltgefährliche Sonderabfälle behandelt und entsorgt.

Kassel. Hessens Umweltminister Joschka Fischer eilte am 1. Mai 1986 kurzerhand selbst zum Grenzübergang Herleshausen. Was er zuvor vom deutsch-deutschen Übergang und der gerade angelaufenen Waschaktion für strahlenstaubbelastete Autos aus dem Osten erfahren hatte, schien dem Grünen unglaublich.

„Die radioaktive Brühe rinnt über einen Regenwasserkanal in die nahe Werra! Das Abwasser verfügt über Radioaktivitätsgrade, die einen schaudern machen“, notierte der damals 38-Jährige, seit ein paar Monaten erst im Amt, in seinem Tagebuch.

Stopp, aus! „Die Maßnahmen sind unter aller Sau!“, diktierte Fischers Sprecher Georg Dick Journalisten in den Block und meinte Anweisungen aus Bonn. Genauer gesagt von CSU-Bundesinnenminister Friedrich Zimmermann, der den Autoputz in Herleshausen befohlen hatte.

Sicher ist sicher: Hessens Umweltministerium besserte lieber nach und ordnete an, dass das Waschwasser komplett aufzufangen sei und anschließend zur Entsorgung an die Hessische Industriemüll GmbH (HIM) gehen müsse. Der damalige Landesbetrieb war verantwortlich für die Entsorgung aller in Hessen anfallenden gefährlichen Abfälle. In Kassel gab es die nächstgelegene HIM-Niederlassung. Was nach etlichem Hin und Her auch so geschehen ist. Nur: Wie wird „radioaktive Brühe“ eigentlich entsorgt? Durch Verdampfen? In Fässern zum Atommüll-Bergwerk Asse verfrachtet? Irgendwie spezialbehandelt?

Die HNA erkundigte sich bei der mittlerweile weitgehend privatisierten HIM GmbH, die bis heute Sonderabfälle entsorgt, und erhielt eine überraschende Auskunft. Die Strahlenbrühe aus Herleshausen landete - wie der Regen vom Dach oder das Spülwasser aus der Küche - in der Kasseler Kanalisation, floss in die Kläranlage und schließlich in die Fulda.

Feststoffe und Öl abgetrennt

Vorher - teilte die HIM nach einem Blick in alte Akten mit - wurden Feststoffe abgetrennt, Sand zum Beispiel, wurde Öl abgeschieden, wie es bei jeder Autowäsche anfällt. Und Schwermetalle natürlich, streng nach Vorschrift. Dann wurde das Waschwasser aus Herleshausen, wo hessische ABC-Züge insgesamt 200 Pkw, Lkw und Busse durch ihre Waschstraße geschleust hatten, in den Kanal gespült - mit Wissen und Genehmigung des Kasseler Regierungspräsidiums. Das betont die HIM besonders.

Und die Radioaktivität, die strahlenden Partikel aus Tschernobyl, die Joschka Fischer am 1. Mai noch so in Rage gebracht hatten? Dieses Problem war im Rückblick doch deutlich geschrumpft. Die Radioaktivität des Waschwassers, damals gemessen in Becquerel, der Zahl von Atomkernzerfällen pro Sekunde, erreichte laut amtlichen Berichten nicht mal ein Drittel der Werte, die direkt nach Tschernobyl im Regen über Nordhessen gemessen wurden. Und der floss schließlich ebenfalls in die Kanalisation, in Kläranlagen, schließlich in Bäche und Flüsse. Ohne Sonderbehandlung.

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